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Das Repertoire an Luther-Souvenirs ist grenzenlos. Doch die Playmobil-Figur ist die meistverkaufte Playmobil-Einzelfigur aller Zeiten.

Times Mager

Am Ende ist Dableiben das Beste

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Manchmal herrscht ein gewisses Patt zwischen der Entscheidung, sich woandershin zu begeben und der, zu bleiben.

Die Menschen brechen nach und nach in die Sommerfrische auf. Mit etwas Pech bleiben sie bei vollgeladenem Autodach und Frankfurter Nummernschild in der Wetterau seitlich liegen. Oder starren im stockenden Verkehr eine Weile auf ein stark retuschiertes Frauenpofoto. Das Frauenpofoto befindet sich in ungeheuerlicher Vergrößerung auf der Rückseite eines Lasters, dazu die mysteriöse Aufschrift „Wir verkaufen auch Handschuhe“. Es ist zum Verzweifeln.

Mit etwas Glück hingegen gleiten sie unbehelligt durch den Morgen und verzehren einige Stunden nach der Abfahrt bereits einen Refoteller. Der Refoteller enthält u. a. eine auf der Abbildung opulente Schweinsroulade und, da inzwischen Wittenberg erreicht ist, erschließt sich aus dem Zusammenhang – aber wirklich nur daraus –, dass die Reformation gemeint ist. Wer beim Gang durch die Stadt bereits Luther-Pralinen bewundert, am Luther-Brodt geknabbert, einen Luther-Cake skeptisch umkreist, einen Luther-Burger nicht gekauft, aber sehnsuchtsvoll auf die Reklame des Hotelschiffs Junker Jörg gestarrt hat, wundert sich darüber kaum mehr. Nachher stellt sich heraus, dass man einiges auch im Internet hätte bestellen können. Die Luther-Bonbons in Apfel und Orange etwa, wobei der brave Protestant aus Prinzip zu Apfel greift, obwohl Orange besser schmeckt. Auch Seifenblasen gehören zum Luther-Shop-Sortiment, eigenartig. Der heimgekehrte brave Protestant erfährt, dass das Luther-Männlein die meistverkaufte Playmobil-Einzelfigur aller Zeiten ist.

An dieser Stelle, man merkt es schon, herrscht noch eine Art Erlebnis-Patt zwischen der Entscheidung, sich woandershin zu begeben, und dem Entschluss dazubleiben. Da aber schaut man sich gleich an der Weseler Werft unter freiem Himmel das Erfolgsstück „Ödipus“ an (FR vom 19. Juni). Schon sitzt man stille, und die Darsteller sind auch nicht gerade eilig unterwegs – Geschwindigkeit ist nicht mehr hilfreich, wenn der Schrecken unausweichlich wird, Menschen wissen es, ohne dass es ihnen nutzt. Mäuse, weil sie so klein sind, schlagen noch eher Profit daraus. Und dann nähert sich – einmal abgesehen von den vorbeizuckelnden Mainschiffen, den lebenszugewandten Nilgänsen, den Flugzeugen, Fahrrädern, Bahnen – ein kompaktes Trüppchen Joggerinnen und Jogger. Das kompakte Trüppchen Joggerinnen und Jogger führt eine mobile Musikanlage mit sich und benutzt sie heftig. Noch ist Marc Oliver Schulze (Ö.) am Sprechen, und das könnte blöd werden. Das Trüppchen trabt heran, Schulze spricht, das Trüppchen trabt näher heran. Da hört Schulze auf zu sprechen, und die Bühnenmusik von Bert Wrede knallt los, und wie sie knallt. Als sie wieder aufhört, sind die Joggerinnen und Jogger ungehört weg, wie nie gewesen.

Das ist so gut und zufriedenstellend, dass am Ende Dableiben doch das Beste ist. Und das hätte auch Ödipus (zweimal!) geholfen und den Schuft Apollon in Verlegenheit gebracht. Aber alle wollten wieder was unternehmen.

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