+
Emil Nolde war kein unbeschriebenes Blatt.

Times mager

Emil Nolde ist kein unbeschriebenes Blatt

  • schließen

Die Erinnerung an die aufschlussreiche Städelschau 2014 könnte die nervöse und gesinnungsstarke Debatte dieser Wochen deutlich beschleunigen.

Dass ein Mensch, der so schön gemalt habe, kein schlechter Mensch gewesen sein könne, dieser Gedanke ist Emil Nolde artig nachgegangen, auch über seinen Tod hinaus, 1956, mit 88 Jahren. Der Gedanke gehörte nach dem Krieg zur Nolde-Pflege. Dabei war Nolde kein unbeschriebenes Blatt. An Noldes Inbrunst für das Dritte Reich erinnerte vor fünf Jahren die große Nolde-Schau in Frankfurts Städel. „Retrospektive“ hieß die Ausstellung, sie betonte einen denkbar nüchternen Zugang, etwa verglichen mit anderen Ausstellungen, die von der „Begegnung mit dem Nordischen“ (Kunsthalle Bielefeld) raunten, der „Pracht der Farben“ (Museum Frieder Burda, Baden-Baden) oder „Glut und Farbe“ (Belvedere, Wien) ankündigten.

Kanzler haben den Nolde-Kult kräftig belebt, so Helmut Schmidt. Jetzt, zur großen Nolde-Schau in Berlin, hat man in Umlauf gebracht, man schaue definitiv neu auf den Künstler, so dass die „Süddeutsche Zeitung“ kolportierte: „Es ist der Abschied vom reinen Feiern der Kunst der klassischen Nolde-Ausstellungen, in denen Besucher einfach nur schwelgen konnten in der Pracht der Farben.“ Man hätte wissen können, dass es einen solchen Abschied von Nolde bereits in Frankfurt gab, 2014. Aber da sich der Kunstbetrieb ganz offensichtlich nicht mehr für das Gedächtnis zuständig zeigt, herrschte in den letzten 14 Tagen eine selbstvergessene Nolde-Diskussion, nervös und gesinnungsstark.

Emil Nolde führte Kulturkampf gegen jüdische Kollegen

Dabei ist seit langem bekannt, dass der Maler seit 1941 von den Nazis mit Berufsverbot belegt wurde. Seine Werke wurden vom Dritten Reich verfemt, in der hämisch-verheerenden Ausstellung „Entartete Kunst“, 1937 in München, wurden Bilder von Nolde besonders geschmäht. Von keinem Künstler wurden so viele Werke aus den Museen verbannt, insgesamt 1052. Dennoch unternahm Nolde alles, ein Sachverwalter des Führers, des Volks und des Vaterlands zu sein durch Parteieintritt, durch seinen antisemitischen Tatendrang, seinen Kulturkampf gegen jüdischen Kollegen, seine Denunziationen von Konkurrenten, namentlich und in Briefen an Goebbels selbst.

Bereits zum 100. Geburtstag Noldes störte 1967 ein streitlustiger Walter Jens den falschen Nolde-Frieden dialektisch. Auch die Städelschau führte vor Augen, dass Nolde kein unbeschriebenes Blatt ist. Wollte man sich mit Nolde nicht nur unbedarft befassen, so könnte man sich ein Blatt Papier vornehmen und darauf die Selbsterkenntnis Noldes schreiben: „Das Malen war mein besseres Sein.“ Danach bereits wäre das Blatt kein weißes Blatt mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion