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Eiskalt

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Von: Judith von Sternburg

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Kreisverkehr
„Den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt verlassen“ – früher hieß das meist (aber nicht immer!) „geradeaus fahren“. © Peter Kneffel/dpa

Die häufigsten Sätze eines Navigationsgerätes – und ist das nun besser, als eine Karte zu falten?

Selbst unbescholtene Beifahrerinnen können in diesen reiselustigen Tagen nachts aus dem Schlaf hochschrecken und sich fragen, ob sie der Order, den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt zu verlassen, auch nachgekommen sind. Den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt zu verlassen, ist das Häufigste, was der Fahrzeugführer oder die Fahrzeugführerin von heute zu tun hat.

Früher hieß das einfach: geradeaus fahren. Allerdings versuchte damals die Beifahrerin mit einem patentgefalteten Straßenplan auf dem Schoß die Umgebung im Griff zu behalten. Das „geradeaus“ bekam dadurch so einen Zug ins Panische, tatsächlich befand man sich längst auf der Abbiegespur. Zudem gehört die Entfaltung eines patentgefalteten Straßenplans zu den umfangreicheren Missgeschicken des Privatlebens. An einem unbekannten Ort müssen all die ex-patentgefalteten Straßenpläne liegen. Nach einem kurzen, aber stressigen Dasein konnten sie hoffentlich ihren Frieden machen mit jenen, die ihnen das angetan haben, bloß um ein paar Jahre später achselzuckend und modern ein Navigationsgerät zu kaufen.

Dabei legen längere Autofahrten es nahe, mit dem Navigationsgerät zwar nicht zu ringen – dafür ist es zu theoretisch –, aber doch in Streit zu geraten. Interessanterweise ist das eher selten der Fall. Das liegt daran, dass das Navigationsgerät sich auf Streit grundsätzlich nicht einlässt. Es ist eine eiskalte Type, überhaupt müsste es die Navigationsgerät heißen, denn es ist eine unverbindliche und unerbittliche Frauenstimme, die am zweithäufigsten sagt: „Wenn möglich, bitte wenden“. Dann sagt sie wieder: „Wenn möglich, bitte wenden“. Dann sagt sie wieder: „Wenn möglich, bitte wenden“. Dann sagt sie: „Den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt verlassen.“ Sie zuckt nicht mit der Wimper dabei (dass sie Wimpern hat, steht außer Frage). Man kann ein Navigationsgerät nicht beleidigen, es ist unverwundbar.

Mit dem dritthäufigsten Satz des Navigationsgeräts befassen wir uns in der nächsten Stunde: „Die Verkehrssituation hat sich geändert, Alternativroute anzeigen?“

Zur Arbeit fährt die Beifahrerin gegenwärtig aus vielerlei Gründen von einem Hauptbahnhof aus, an dem keine Züge fahren können. Mit Bussen wird man zu den Zügen gebracht, die derzeit aber wegen Bauarbeiten dennoch nur teilweise fahren können. Gestern morgen konnte vorerst keiner fahren, denn der, der trotz allem angekündigt war, fiel aus. Wegen Bauarbeiten. An dem Ort, an dem die Züge fahren, gibt es, das wird Sie nicht mehr wirklich wundern, ebenfalls Bauarbeiten. Ein Gehweg ist aber mit Schildern gekennzeichnet, auf denen durch den Baustellenzaun zerteilt steht: „Geh weg Bahnhof“.

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