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Times Mager

Eingebung

Viel hörte ich von lichten Momenten, die Freunde des Nachts hatten, wenn sie aus dem Schlaf aufschraken. Ich hörte das mit wachsendem Neid. Ich nämlich lag im Bett wie ein alter Sack es getan hätte. Von Arno Widmann

Viel las und noch mehr hörte ich von den lichten Momenten, die Freunde und Bekannte des Nachts hatten, wenn sie aus dem Schlaf aufschraken und stundenlang nicht mehr einschliefen. Sie schwärmten von traumhaften, traumverlorenen Phasen, in denen sie zu müde zum Lesen, zu wach zum Schlafen waren. Dazwischen aber leuchteten - so erzählten sie mir - Erkenntnisse auf. Sie sahen ihre Lage oder gar die der ganzen Welt klar.

Ich hörte das mit wachsendem Neid. Ich schlief Nacht für Nacht sechs Stunden - alle drei Wochen am Wochenende mal zehn Stunden - traumlos, völlig erkenntnisfrei. Lag im Bett wie ein alter Sack es nicht anders getan hätte. Was hatten sie, was ich nicht hatte? Wer schickte ihnen das Glück ihrer Eingebungen? Wie schafften sie es aufzuwachen, wenn sie noch müde waren? Wie gelangten sie in die Zwischenwelten, in jenen Bereich, in dem die Götter ihr heiteres Leben führen?

Vergangene Nacht ist es mir passiert. Ich schrak um zehn nach zwei aus dem Schlaf. Schwerblütig und zerschlagen. Zu müde zum Lesen und zu wach zum Schlafen. Ich ging hinunter, machte den Fernseher an. Eine Semi-Doku zum Mauerfall. Die selbsterlebte Geschichte spiegeln in dem, wie andere sie erlebt haben. Schön. Aber nicht schön genug. Ich holte das Bügelbrett aus dem Keller und Hemden und Unterhemden, Kissen- und Bettbezüge. Um fünf war ich fertig. Für die Pornos war ich zu müde. Für Volker Brauns Tagebücher auch.

Ich versuchte zu schlafen. Es ging nicht. Ich duschte. Ich hörte noch einmal "Sacrificium", die Kastratenarien, gesungen von Cecilia Bartoli, und Louis Spohrs "Faust". Ich bekam kaum noch etwas mit. Immer lauter stellte ich den CD-Player. Noch kein einziger heller Moment. Keine Erkenntnis, kein Blitz von oben, der mir meine Lage oder gar die der Welt erleuchtete. Nur eine Mattigkeit, von der ich von Sekunde zu Sekunde mehr hoffte, sie würde übergehen in Müdigkeit.

Um kurz nach sechs schlief ich ein. Ich stellte mir den Wecker auf kurz vor acht. Zur Arbeit. Jetzt ist es 15 Uhr. Ich verfluche meinen Neid auf die Schlaflosen, auf deren nächtliche Gesichte. Ich sehne mich zurück nach dem alten Sack, der ich einmal war.

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