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„Ja ist denn scho Pfingsten?“

Times mager

Traum

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In Zungen reden und alles verstehen: Von einem seltsamen Traum mit Beckenbauer.

Träume, redete der Kollege S. klug daher, kaum hatte er das Büro betreten, erinnerten den Träumenden häufig an Dinge, die gar nicht geschehen, aber doch von Bedeutung seien. Nach „zwei entschleunigten Tagen“, erläuterte S., seien ihm sowohl die Vorzüge der Langsamkeit als auch die Absurditäten des Alltags sehr anschaulich im Schlaf erschienen.

Bevor er das allerdings näher zu beschreiben gedenke, so S., wolle er den zu erwartenden Einwand, dass die Formulierung „entschleunigte Tage“ zumindest ungenau sei, vorwegnehmen und entkräften. Er räume zwar ein, dass in der Regel jeder Tag mit der exakt gleichen Geschwindigkeit vergehe und nur er selbst, S., sein eigenes Tun entschleunigt habe. Das allerdings habe subjektiv sehr wohl zu einem angenehmen Gefühl gedehnter Zeit geführt.

Falls es jemanden interessiert, fügte S. nicht ohne Grund hinzu, denn die Anwesenden, die die vergangenen zwei Tage im Büro und unter den Bedingungen einer allenfalls unangenehm gedehnten Zeit verbracht hatten, schauten auffällig in Richtung Kantine. „Gehen wir essen?“, fragte S. sofort hinterhältig und setzte auf dem Weg seinen Monolog fort.

Im Traum habe er eine Sitzung erlebt, die sich durch einen durchweg entspannten Ton und die Abwesenheit jeder Konkurrenz ausgezeichnet habe, also vom träumenden Unbewussten offensichtlich als Gegenbild zum soeben stattfindenden Kantinengespräch gemeint gewesen sei. Teilgenommen hätten Menschen aus vielen Ländern, die aber allesamt perfekt Französisch gesprochen hätten, selbst er, S., der dieser Sprache überhaupt nicht mächtig sei.

Im Traum sei daraufhin allerdings Franz Beckenbauer erschienen und habe gefragt, ob „denn scho Pfingsten“ sei. Das zeuge einerseits von einer gewissen Bibelkenntnis des gewesenen Fußballers, jedenfalls des geträumten, da ja die Christenheit an Pfingsten die erstaunlichen Sprachfertigkeiten der Erleuchteten feiere („Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden“, Apostelgeschichte 2,4). Der Auftritt habe aber angesichts der bis dahin entspannten Atmosphäre etwas verstörend gewirkt. Zumal Beckenbauer Bayerisch gesprochen habe, „was allerdings wiederum alle verstanden“.

Durch diese Störung, ergänzte S., den Nachtisch schon im Mund, sei es mit der geträumten Entschleunigung vorbei gewesen. Aus der Zukunft kommend, habe sich der bevorstehende Arbeitstag mit Macht in den Traum geschlichen. Was er, S., dann im Schlaf gesehen habe, könne er den Kolleginnen und Kollegen ersparen, da es ihnen ja bekannt sei. Den Rest des Tages war von S. nichts mehr zu hören, und das war allen anderen recht.

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