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Eine Neigung zum Pyjama

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Schlafanzugträger sind keineswegs schlappe Menschen. Besonders schön ist es doch, im Schlafanzug die dicksten Bücher durchzulesen.
Schlafanzugträger sind keineswegs schlappe Menschen. Besonders schön ist es doch, im Schlafanzug die dicksten Bücher durchzulesen. © Imago

Im Schlafanzug ins Kino? Nicht im neuseeländischen Hawera! Hier herrscht striktes Schlafanzugverbot.

Dass ein Kino im neuseeländischen Hawera seinem Publikum gegenüber ein Schlafanzugsverbot ausgesprochen hat, mag einem aus mehreren Gründen merkwürdig erscheinen. So ist der Schlafanzug im öffentlichen Raum doch nicht die Regel (in Hawera, muss man aus der lebhaften Berichterstattung über den Fall schließen, allerdings sehr wohl). Auch ist doch mit legeren, ins Hausanzugartige tendierenden Kleidungsstücken zu rechnen, so dass man umgekehrt sagen muss: Ist das so schlimm, dass man es verbieten muss?

Freilich zeigen Feldstudien, dass ein Teil der Bevölkerung auch in der Rhein-Main-Region wirklich sehr, sehr gerne Schlafanzüge trägt. Diese Neigung, über die viel zu spekulieren wäre – was mögen das für physische Besonderheiten sein, etwa in einem besonders empfindlichen Taillenbereich? –, kann sich Beobachtungen zufolge in einer ganzen Familie zeigen, im Zuge klassischer Vererbungsvorgänge aber eine Generation überspringen. So dass nun Großvater und Enkeltochter, nur um ein Beispiel zu nennen, mit dem Übertreten der heimischen Schwelle sofort in einen bereitliegenden Schlafanzug schlupfen, in dem sie im übrigen auch kleinere Autofahrten oder Postkastengänge erledigen. Letzteres ist schwieriger geworden, seit die Post den Kasten an der Ecke hat abmontieren lassen. Jahre später schimpft der Großvater noch immer. Die Enkeltochter schreibt eh eine Whatsapp. Auch geht es darum hier gar nicht.

Ist ein Schlafanzugträger ein schlapper Mensch, der sich gehen lässt, eine Schlafmütze womöglich? Davon kann keine Rede sein. Im Schlafanzug sind dicke Bücher durchgelesen, Bücher geschrieben, Klassenarbeiten vorbereitet, Renovierungen durchgeführt und Geburtstagsgeschenke gebastelt worden. Und in Hawera auch Kinofilme angeguckt worden. Denn der Schlafanzugträger scheut nicht den Kontakt zu anderen Menschen, drängt sich aber auch nicht auf. Das Tragen eines Schlafanzugs selbst sagt noch nichts, außer dass sein Nutzer für sich zu sorgen weiß und dies auf eine Art, die keinem schadet. Außer anscheinend: in Hawera.

Hawera hat sich durch die Kleidungsvorschriften – keine Schlafanzüge, keine dreckigen Gummistiefel und keine Onesies, das sind diese voll lustigen Erwachsenenstrampler, die es im Panda- oder Bibo-Design gibt, früher hieß das einfach Kostüm – eine kurzfristige Berühmtheit erworben. Die Haweraer finden das offenbar vergnüglich. Im Internet haben zahlreiche Nutzer eine Ansicht zu alledem, Tenor: Schlafanzugträger haben keinen Stolz, bzw.: Haweras Kinobetreiber haben nicht alle Tassen im Schrank. Die meisten scheinen das Verbot aber okay zu finden. Das könnte mit dem insgesamt guten Ruf der Neuseeländer zu tun haben. Das Verbot wirkt einfach nicht intolerant, obwohl weiterhin offen ist, was für einen Schaden Schlafanzüge im Kino anrichten können.

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