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Nein, die Straße heißt nicht Einbahnstraße.

Times mager

Einbahnstraße

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Wie finden sich die Deutschen bloß zurecht, wenn so viele Straßen den gleichen Namen haben? Die Kolumne „Times mager“.

Was bisher geschah: In einer badischen Großstadt stand eine asiatische Familie, unschlüssig, ob hier entlang oder dort, und rang sich schließlich zu einer Frage durch. In der Frage und vor allem in der Nachfrage steckte so viel Information, wie man sie sonst selten von alleinreisenden asiatischen Familien erhält, also außerhalb des typischen Bus-basierten Hinundhers zwischen historischen Gebäuden (z.B. Paulskirche) und Traditionsgeschäften (z.B. Lorey).

„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo die Konviktstraße ist“, fragte die Familie also die Passanten, die ihrerseits keine einzige Straße in der badischen Großstadt namentlich kannten außer der Konviktstraße, in der sie zufällig selbst zu tun hatten. Ja, nächste rechts, antworteten die Passanten. Und darauf die Nachfrage: „Aber da steht: Einbahnstraße …?“

Es handelt sich also um die größte anzunehmende Kuriosität, dass Landesbesucher, die genug Landessprache können, um nach dem Weg zu fragen (und die Antwort zu verstehen; der Verfasser beispielsweise könnte in einigen gängigen europäischen Sprachen etwas fragen, stünde aber blöd da, wenn die gängigen Europäer in ganzen Sätzen antworteten) – die Familie konnte also nach dem Weg fragen, die Antwort verarbeiten, hatte aber offenbar noch nie davon gehört, dass „Einbahnstraße“ im weißen Pfeil auf blauem Grund nicht der Straßenname ist.

Man fragt sich unverzüglich, was die Familie von einem Land halten soll, in dem jeder zweite Straße denselben Namen trägt. Haben die keine Persönlichkeiten, nach denen sie Straßen benennen können?, werden sich die Besucher fragen. Haben die keine Orte, zu denen Straßen führen, die sie nach diesen Orten benennen können? Und wie, um alles, orientieren sie sich? „Kommst du heute zum Essen?“ – „Gern! Wo wohnst du?“ – „Einbahnstraße 41.“ – „Genau wie ich, der Baumhuber Sepp und die Anzengruber Erika drüben in Großkleinheim!“

Die asiatische Familie ging höflich lächelnd weiter. Sie hatte übrigens kein Kraftfahrzeug dabei.

Lesen Sie bitte demnächst in einer weiteren Folge unserer lockeren Reihe mit Reiseberichten aus dem nahen Süden: Was von einer Smartphone-App zu halten ist, die für die nächsten 14 Tage katastrophales Wetter vorhersagt, und dann liegt man doch schwitzend wie noch nie in unklimatisierten Hotelzimmern; wie man auf italienischen Serpentinen mit dem nackten Leben davonkommt und: Was sich die Hersteller von Navigationsgeräten wohl im Zusammenhang mit gehäuft vorkommenden Kreisverkehren gedacht haben.

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