Eigentlich einfach immer im Pyjama.
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Eigentlich einfach immer im Pyjama.

Times mager

Eigentlich

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Hätte, hätte, Fahrradkette: Das Wörtchen des Jahres ist „eigentlich“.

Bald ist das letzte Viertel dieses seltsamen Jahres erreicht, das uns einerseits eine hervorragende Ausrede geboten hat, unsere guten Neujahrsvorsätze aufzugeben (Vorsätze wie: mindestens zweimal die Woche ins Fitnessstudio gehen, höchstens einmal die Woche Serienglotzen auf der Couch), das andererseits zu neuen guten Vorsätzen animiert hat. Erwartungsgemäß wurde nicht viel aus ihnen. Den Keller ausmisten? Ist nicht die Sperrmüllsammelstelle geschlossen? Und wenn sie nicht mehr geschlossen ist, stehen jetzt bestimmt all die Leute an, die ihren Keller ausgemistet haben – und man wäre doch blöd, sich auch anzustellen. Das wäre, wie in den Urlaub zu fahren, wenn alle in den Urlaub fahren. Tut kein Mensch.

Aber galt es nicht wenigstens, an den Abenden, an denen man eigentlich in der Oper, im Kino, bei Freunden, im famosen indischen Restaurant gewesen wäre, die Bücher zu lesen, die seit gefühlt 174 Jahren im Regal aufs Gelesenwerden warten? Oder, noch besser: selbst ein Buch zu schreiben in der Zeit, die man eigentlich verbracht hätte auf der A1 bis (geschätzt) A1364 und allemal und immer vor dem Gotthard. In der Zeit, die man außerdem zweimal täglich verbraucht hätte beim Warten auf die S-Bahn und für den Wechsel aus dem und in das Pyjama. Aber nur Donald Trump schreibt fleißig an seinem Fantasyroman. Gerade erst hat er sich für ein legendäres Österreich Waldstädte und explodierende Bäume ausgedacht.

Aber danken es ihm die Österreicher, dass sie so prominent in „Die Märchen des Donald Trump“ vorkommen? Natürlich nicht. Sie stellen stattdessen gefakte Bilder ins Netz von Häusern, Straßen, gut gelaunten Passanten (Schauspieler, ist ja wohl klar), von sich am Straßenrand verdächtig still verhaltenden Bäumen. Gewiss befinden sich diese Häuser, Straßen, Bäume, Schauspielerinnen und Schauspieler eigentlich in Grönland, sonst hätte Trump die Insel ja nicht kaufen wollen. Hätte er sich eigentlich denken können, dass die Grönländer mit den Österreichern unter einer Decke stecken.

Irgendwie hat sich das kleine, aber äußerst biegsame Wort „eigentlich“ mächtig nach vorne gedrängt im seltsamen Jahr 2020. Es fädelt sich plötzlich ein in Sätze, die ganz ohne es wahr gewesen wären, wenn wir weitergemacht hätten mit – nun ja, eigentlich allem. Wegen eines Virus jedoch ist nun ständig die Rede von Orten, Ländern, Ereignissen, die ohne die Begleitung des Eigentlich im Gespräch nicht mehr vorkommen: Eigentlich, beginnt dann ein Satz aus Corona-Zeiten, eigentlich wäre ich dort gewesen und hätte dies getan.

Das Eigentlich macht auch deutlich weniger Aufhebens als etwa „Hätte, hätte, Fahrradkette“.

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