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Ehe

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In unserer Jugend galt die Beziehung zwischen Fricka und Wotan, die einzige legale Ehe weit und breit, als besonders uninteressant und Fricka als beleidigte Leberwurst.
In unserer Jugend galt die Beziehung zwischen Fricka und Wotan, die einzige legale Ehe weit und breit, als besonders uninteressant und Fricka als beleidigte Leberwurst. © KIRSTEN NIJHOF

Wie zieht man ein Schwert aus einem Baumstamm und singt dabei? Wie öffnet man eine Jacke und singt dabei?

Obwohl andere Opern Richard Wagners heiklere Anforderungen stellen (Weltuntergänge, unorthodoxe Erlösungen, Wagners Humor), ist auch in einer „Walküre“-Inszenierung einiges zu bedenken. Wie kann es dem Tenor gelingen, Nothung, das Schwert, aus einem entsprechend präparierten Baumstamm zu ziehen, während er singt wie ein Teufel? Wann schlafen der Tenor und Sieglinde miteinander? Ist dem Tenor und Hunding ein Zweikampf zuzumuten? In welcher Weise grätscht Wotan dazwischen, und fällt Nothung im verabredeten Augenblick auseinander oder wäre es sinnvoller gewesen, ein zweigeteiltes Schwert hinter einem Felsbrocken o. ä. zu verstecken? Was für Helden kommen nach Walhall? Haben sie etwas an? Wie sollen Brünnhilde und Wotan gucken, wenn sie ihn schon wieder dasselbe fragt (wie es weitergeht, was sich dadurch weiter verzögert)? Welche Feuerhöhe erlaubt die Feuerwehr? Was davon kann man weglassen?

Denn eigentlich ist „Die Walküre“ eine Oper über psychologisch delikate Zweierbeziehungen. Sieglinde ist mit Hunding zwangsverheiratet, liebt aber Siegmund. Hunding ist von Siegmund eh genervt. Brünnhilde ist Wotans Lieblingstochter, Siegmund tut ihr aber Leid. Wotan ist von Siegmund eh genervt. Fricka ist Wotans ewige Gattin, aber Siegmunds Existenz ist für sie ein Affront. Wotan ist von Fricka eh genervt. Siegmund hingegen will lediglich seine Ruhe und Sieglinde. Siegmund ist der Tenor. Tenöre sind längst nicht so zickig, wie ihnen nachgesagt wird.

In unserer Jugend galt die Beziehung zwischen Fricka und Wotan, die einzige legale Ehe weit und breit, als besonders uninteressant und Fricka als beleidigte Leberwurst. Das belegt Wagners Begabung zur Manipulation eindrucksvoll. Kam das Thema unter Erwachsenen darauf, war die Wohnung plötzlich voller mit den Augen rollenden Herrschaften. Wie unfair das ist, konnte man soeben in einer Aufführung sehen, in der sich Fricka und Wotan nicht nur anraunzten, sondern auch nahestanden. Verschärfend kam hinzu, dass Fricka einen Verschluss an ihrer Jacke nicht öffnen konnte, den sie aber offenbar dringend hätte öffnen müssen, um diese – ein Regieeinfall, der sich so natürlich nicht recht erschloss – auszuziehen. Nun zupfte und zog Fricka am Verschluss, und auch Wotan zupfte und zog daran und bot außerdem Sichtschutz. Das Zupfen und Ziehen wurde energischer, während beide weiter ihre Eheprobleme beklagten. Schließlich siegte die Gewalt über die Verschlusstechnik. Wie Mann und Frau aber maulten und doch solidarisch an einem Strang zogen: Das dürfte dem schönen Mysterium der Ehe ziemlich nahegekommen sein.

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