Times-Mager_imago0102140636h.jpg
+
Als er in Frankfurt ankam, schenkte ihm ein Ami Zigaretten. Lucky Strikes natürlich.

Times mager

Eckstein

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Von einer Fotografie und einem jungen Mann, schick bis ins G’nick.

Ein Foto zeigt ihn mit Uniform. Ernstes Gesicht, die Lippen ganz leicht geöffnet, den Blick abgewandt, am Fotografen vorbei in die Ferne. Er schaut hinter einem Passepartout heraus aus einem versilberten, an den Ecken spielerisch verzierten Rahmen. Das Bild ist rissig. Ein halbes Leben lag es in Schubladen, seit gut sechsundzwanzig Jahren liegt seine Todesanzeige dabei.

Zwei Streifen sind am Uniformkragen zu erkennen. Was sie bedeuten? Schwer herauszufinden. Ein Abzeichen steckt links auf der Brust, kein Orden, eher etwas, das einen Dienstgrad anzeigen könnte. Wahrscheinlich sind es die allerniedrigsten Rangabzeichen. Sicherlich sind sie das. Man will nicht allzu lang bleiben auf den Internetseiten, die über Kostüme und Schmuck des Zweiten Weltkriegs informieren, Seiten, die mächtige Geldbeträge aufrufen für kühle Geschäfte mit Relikten. Man fröstelt.

Gut sieht er aus auf dem Foto, sehr gut, wenn man die Uniform wegdenkt. Wenn man der Generation angehört, die alles ohne Uniformen denkt. Die dunklen Augen, die dunklen Brauen. Das Haar zurückgekämmt mit Frisiercreme, genauso, wie er es später auch jeden Morgen gemacht hat. Sonntags standen wir zusammen vor dem Waschtisch im Schlafzimmer. Ein Bad hatte die großelterliche Wohnung nie, selbst in der Zeit nicht, als dort drei Kinder aufwuchsen. Vor dem Spiegel gab er dem Enkel einen Rasierer, aber ohne Klinge, und seifte ihm das Gesichtchen ein. Im Nu waren wir beide schick bis ins G’nick, fand die Oma.

Über den Krieg hat er nicht gesprochen. Ach Bub, hat er gesagt, das will heute keiner mehr wissen. Nur über die Gefangenschaft in Russland. Er kehrte erst Jahre später zurück. Als er in Frankfurt ankam, schenkte ihm ein Ami Zigaretten. Lucky Strikes natürlich. Damit stand er plötzlich daheim vor der Tür, Stunde null des Emotionensschatzes der Familie. Geraucht hat er trotzdem weiterhin Eckstein ohne. Wenn er hustete, dann immer drei Mal am Stück.

Ein anderes Foto zeigt ihn im Bademantel mit einer blonden Frauenperücke auf dem Kopf. Fastnacht. Die allermeisten Bilder im Kopf zeigen ihn auf der Stehtribüne im Stadion; am Geldspielautomaten in seiner Stammkneipe beim Färber Schorsch; zweimal im Jahr auf der Kirmes (die bei ihm Juxplatz hieß); in seinem grünen Velours-Fernsehsessel.

Alles, was man von ihm im Internet findet, ist ein Telefonbucheintrag, der verschwindet, sobald man ihn anklickt. Diese Woche, fast genau ein Jahr nach seiner Frau, die er Mausi nannte, wäre Opa Alfred hundert geworden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare