Google Glass hat bereits einen Platz im Museum des Scheiterns.
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Einfach nicht cool genug: „Google Glass“ hat einen Platz im schwedischen „Museum des Scheiterns“.

Times mager

Echtzeit

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Von Datenbrillen und Marsmenschen, die sich in Gummibäume verlieben.

Gefühlt erst gestern waren Datenbrillen das Ding, das man schon morgen würde haben müssen, um nicht im entscheidenden Augenblick (also: in jedem denkbaren A.) auf eine Information verzichten zu müssen, die sich als lebensverändernd herausstellen konnte. So las man zum Beispiel, während man im Supermarkt über eine Erbsensuppendosenpalette stolperte, noch im Fliegen: Erbsensuppe A wird nur von 8743 Menschen (oder Bots) empfohlen, Erbsensuppe B von 9446. Klarer Fall.

Aber warum, wenn sie so nützlich sind, sieht man auf der Straße und in öffentlichen Verkehrsmitteln niemanden mit Datenbrille? Warum bevorzugen es alle, mit dem Smartphone in der Hand und vor Augen Suppendosenpaletten zu übersehen oder über Bürgersteigkanten zu stolpern und lang hinzuschlagen? Oder warum begegnet man beim Spazierengehen immer noch Teenagern, die eine Art Ghettoblaster tragen, wenn sie einem doch mit einer Audiosonnenbrille – eingebaute Hochleistungslautsprecher! – viel lässiger auf die Nerven gehen könnten?

Nun, Datenbrillen scheinen es nie zu Coolness gebracht zu haben, weil sie inzwischen, wie das Internet weiß, „bei der sicheren Inbetriebnahme von Flurförderzeugen eingesetzt werden. Dabei erfolgt der Sicherheitscheck der Fahrzeuge bisher konventionell durch analoge Checklisten, sodass Informationen über Schäden erst mit Zeitverlust vorliegen. Mit der Kamerafunktion einer Datenbrille kann ein Mangel am Fahrzeug hingegen digital dokumentiert und in Echtzeit an die zuständigen Personen weitergeleitet werden.“

Ohne Zeitverlust, man denke, außerdem in Echtzeit! Die natürlich darum so heißt, weil sie irgendwie echter ist als die Normalzeit. Diese kann mit ihrem Normalsein keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken und keinen Alien auf der Erde landen lassen, denn der, beispielsweise, gemeine grüne Marsmensch, braucht in Normalzeit mit seiner fliegenden Untertasse fünf Milliarden Jahre, also länger, als die Erde alt ist, außerdem länger, als wir sie werden bewahren können, wenn wir so weitermachen.

Könnte aber auch sein, dass Marsfrau und Marsmann längst über eine Superdatenbrille verfügen, mit der sie in Echtzeit auf der Erde landen in, äh, vier Sekunden? Könnte weiterhin sein, dass sie mit ihrer Superdatenbrille einkaufen gehen, geblendet sind von all den Supersonderangeboten an Erbsensuppe, Mars-Riegeln, Topfpflanzen, die farblich zu ihrem Hautton passen, über einen Gummibaum stolpern, sich in ihn verlieben, ihn in ihr Raumschiff entführen ... das alles in Echtzeit, so dass wir in echt noch keinen Marsmenschen getroffen haben.

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