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Earendel

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Von: Sylvia Staude

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Der Stern mit dem Namen „Earendel“ (Pfeil) liegt hinter einem Galaxienhaufen, der als Gravitationslinse dient. Sie verstärkt das Licht des 12,9 Milliarden Lichtjahre entfernten Sterns um mehr als das Tausendfache.
Der Stern mit dem Namen „Earendel“ (Pfeil) liegt hinter einem Galaxienhaufen, der als Gravitationslinse dient. Sie verstärkt das Licht des 12,9 Milliarden Lichtjahre entfernten Sterns um mehr als das Tausendfache. © dpa

Neue Rekorde braucht die rastlose Menschheit. Aber ein Stern schlägt alle.

Der Mensch ist fasziniert von Rekorden. Aber da die üblichen Rekorde (die meisten Hotdogs essen, die längste Übelkeit verspüren) zu schnell wieder gebrochen werden, müssen Rekordjäger und -jägerinnen sich heutzutage schon was Besonderes einfallen lassen.

Zum Beispiel also die teuersten Fritten der Welt (200 Dollar) am schnellsten essen. Eine Tomatenpflanze ziehen, an deren Stamm 1269 Tomaten wachsen. Unterwasser 107 Meter weit gehen, denn schwimmen kann ja jeder. Einen Herrenanzug aus Barthaaren herstellen. Drei Stunden in einer Wanne mit Eis sitzen, sich erst im Jahr 3000 wieder auftauen lassen (okay, den zweiten Teil haben wir erfunden, aber nur den zweiten). 18 Eier auf dem Handrücken balancieren. 3000 Origami-Schweine falten. Einen Turm aus M&Ms bauen, den schwindelerregend höchsten aller M&Ms-Türme – aus, räusper, sechs Schokodrops. Offenbar sind die kleinen Teile extrem rutschig, aber könnte da nicht ein wenig Sekundenkleber helfen? Eine Obstbatterie aus 2923 Zitronen bauen. 85 Teelöffel auf dem Körper balancieren, stehend. Sich mit 864 Insektenabbildungen tätowieren lassen, weil man Insekten hasst. Mit 190 Jahren die älteste Schildkröte der Welt sein. Obwohl Schildkröte Jonathan eigentlich nur Glück hatte, dass sie noch kein Mensch zu Schildkrötensuppe verarbeitet hat. Der längste Blitz der Welt sein … Moment, hat dieser Blitz vorher eine Blitzbewerbung bei Guinness World Records gestartet?

In diesen Tagen schaffte es ein Stern in die Nachrichtenspalten der Erde, dem jede Aufmerksamkeit und jeder weltliche Rekord egal sein dürfte. Das Licht von Earendel, altenglisch für „Morgenstern“, brauchte 12,9 Milliarden Jahre, um uns zu erreichen. Darum, so erklärt ein Astrologe der Durham-Universität, spiele er auch altersmäßig in einer ganz anderen Klasse als Jungspundin Erde: „Das könnte der nach dem Big Bang früheste Stern sein, den wir je sehen werden.“ Earendel soll mindestens 50-mal die Sonnenmasse haben und einige Millionen Mal so hell sein, was ihn zu einem der massenreichsten Sterne überhaupt macht. Was für eine Art von Sonnenbrille bräuchte man da?

Hier allerspätestens kommt der Punkt, an dem unsereins der Kopf schwirrt.

Sechs M&Ms, na gut, auch 18 Eier und sogar 1269 Tomaten liegen für den Menschen noch innerhalb der Vorstellungskraft. Aber ein Stern, ganz weit draußen, der sich schon aufraffte und unterwegs war (kann man das überhaupt sagen, dass ein Stern unterwegs ist?), ehe auch nur eines unserer Atome anfangen konnte, sich mit anderen Atomen zusammenzutun, um sich in den folgenden Jahrtausenden einen Blödsinn nach dem anderen auszudenken?

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