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Wo war Bob Dylan am Samstag?

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Bob Dylan lässt sich in Abwesenheit feiern.
Bob Dylan lässt sich in Abwesenheit feiern. © dpa

Literaturnobelpreisträger Bob Dylan lässt grüßen und bedankt sich in einer von der US-Botschafterin verlesenen Rede mit einem Shakespeare-Vergleich, der sich gewaschen hat.

Bob Dylan hat am Samstag also in Abwesenheit den Literaturnobelpreis erhalten. Er ließ sich von zwei Frauen vertreten. Patti Smith, Musikerin wie er, sang seinen Song „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ (1962), und die US-Botschafterin in Schweden, Azita Raji, las seine Dankesrede vor. Ein elegantes Stück. Die Wahrscheinlichkeit, den Nobelpreis zu bekommen, sei ihm nicht größer erschienen, als die, einen Fuß auf den Mond zu setzen, so Dylan via Raji, was schon fein war, weil es etlichen Skeptikern ähnlich ging – geheime Mikrofone hätten das am 13. Oktober auch im Feuilleton der FR dokumentieren können, als der Chef die Eilmeldung eine Sekunde früher bekam und unsereiner nicht begriff, wie er in einem so angespannten Augenblick Witze machen konnte. Dass dieser unwahrscheinlichste Fall seit Jahren in der Luft lag, überging der Preisträger indes neckisch. „Hätte mir jemand gesagt, dass ich jemals den Nobelpreis bekomme ...“, so Dylan, aber er wird ja Zeitung lesen oder ein paar Bekannte haben, die ihm stecken, worüber die Literaturwelt im Oktober spekuliert.

Nie habe er darüber nachgedacht, ob seine Liedtexte Literatur seien, ließ Dylan weiter vorlesen. Aber – und jetzt kommt’s – auch William Shakespeare habe das wohl nicht getan, als er seinen „Hamlet“ schrieb. Er habe vermutlich bloß darüber nachgedacht, wer welche Rolle übernehmen könne, woher er einen echten Totenschädel bekommen würde und ob die Finanzierung im Lot sei. So habe er, Dylan, bloß darüber nachgedacht, wer die besten Musiker für seine Lieder seien, ob er im richtigen Studio aufnehme und die richtige Tonart gewählt habe. „Es gibt Dinge, die ändern sich nie, auch in 400 Jahren nicht.“ Offensichtlich kann man sich nicht bescheidener und zugleich krasser mit Shakespeare in Verbindung bringen. Offensichtlich kann man das nur als Literaturnobelpreisträger. Denn leider würde es nichts helfen zu versichern, dass man auch selbst nie darüber nachgedacht habe, ob zum Beispiel ein Times mager Literatur sei, sondern immer nur darüber, wie man auf 80 Zeilen komme, die gröbsten Schreibfehler vermeide und trotzdem die übrige Tagesarbeit bewältige.

Patti Smith vergaß zwar eine Zeile und musste neu ansetzen, das tat ihrem Auftritt aber keinen Abbruch. Die Reporterin des „New Yorker“ sah, wie sich die Zuhörer manche Träne wegwischten und darin den schlagenden Beweis für die richtige Wahl. Akademiemitglied Horace Engdahl ließ nicht unerwähnt, dass alle Dichtung einst gesungen wurde. Alles klar, nur nicht, wo Dylan – „im Geiste bei Ihnen“ – eigentlich den Samstag verbrachte.

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