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Auch kein anonymer Ort: Frankfurter U-Bahn.

Times mager

Durchsichtig

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Seltsam: Der Bürger ist gläsern, aber seine Außenhülle ist gut sichtbar. So hat er doppelt das Nachsehen, wo auch immer er langgeht.

Es stimmt ja auch überhaupt nicht, dass alle Menschen sich danach sehnen, andauernd Aufmerksamkeit zu bekommen. Viele sehnen sich vielmehr nach der Anonymität der Großstadt, in der sie dann allerdings doch bloß wieder in einer Straße wohnen, in der ein Kiosk steht, aus dem ihnen nach einem Monat ein geschäftstüchtiger Betreiber schon entgegenwinkt, während die Betreffenden doch lieber unerkannt ihrer Wege gingen. Oder in der türkischen Bude nicht ein aufgeräumtes „Döner mit allem“ zugerufen bekämen.

Der gläserne Bürger behält bei aller Durchsichtigkeit leider eine gut sichtbare Außenhülle. Er hat quasi doppelt das Nachsehen. Man durchschaut ihn und man sieht ihn trotzdem. Und die Anonymität der Großstadt ist ein Konstrukt, das entweder von Kleinstädtern vertreten wird oder von Ignoranten, die das kollegiale Augenzwinkern der Mitarbeiterin im Fahrkartenhäuschen partout nicht bemerken wollen.

Der deftig Frühstückende

Denn auch im Zuge der berufsbedingten täglichen Fortbewegung von A nach B ist der Wunsch vergeblich, im Pendlerstrom zu verschwinden. Es dauert nur zwei, drei Wochen, bis das seltsame Duo aus zwei rustikalen Altrockern, die einer jungen freundlichen Frau bereits seit E. einen Platz freihalten (Frechheit, da sie erst in W. zusteigt!) zum vertrautesten Bild gehört. Oder die Frau mit dem geblümten Fahrrad. Oder der deftig Frühstückende. Oder das Paar, das sich in M.-K. in einer Intensität voneinander verabschiedet, als gälte es jeden Tag auf immer. Na, ihr Lieben, wird schon werden.

Die Stimmung im Zug ist gefasst, aber latent gereizt.

Es ist zudem leider nicht so, dass man mit Tarnkappe die anderen beobachten könnte. Das wäre zwar ebenfalls fade, zumal die rustikalen Altrocker eine unergiebige Konversation mit der jungen freundlichen Frau führen – „und wie?“ – „ah ja, und du?“ – „ah ja, muss ja“. Aber das wäre immer noch besser, als darüber nachdenken zu müssen, was die anderen sich für Gedanken machen. Der fremde Herr, der neulich die Lessingstraße hochkam, sagte jedenfalls: „Sie sind um diese Uhrzeit doch immer an der Ecke Viktoria. Sind Sie zu früh oder ich zu spät?“ Das weiß ich wirklich nicht, guter Mann.

Erfrischend hingegen die namenlose Diskretion, mit der der Kellner im asiatischen Schnellrestaurant T. jedes Mal ohne besondere Regung notiert, dass die Nummer 93 zum Mitnehmen gewünscht wird. Erst zuletzt, nach etwa einem Jahr, ist eine Note der Ironie in die Bestellung geraten, ein gewisses „ach diesmal also die 93 zum Mitnehmen“. Lange geht das nicht mehr gut.

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