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Ohren kann man verstopfen – Nasen auf die Dauer nicht.

Times mager

Dufte

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Zumal, wenn seine Trägerinnen und Träger in Wallung geraten, kann so ein Eau de Parfum den öffentlichen Nahverkehr behindern.

Jüngst evakuierte das Eau de Parfum einer Mitreisenden förmlich einen Waggon der U-Bahnlinie 2. Es war ausgeschlossen, noch genug Sauerstoff zu ergattern, nachdem sich die Dame daheim wohl eine Flasche Vanillevariation ins Dekolleté geschüttet hatte. Eher zwei. Nichts gegen die Freiheit der Düfte und die persönliche Note, aber so haben wir uns das Zusammensein im Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts nicht vorgestellt.

Üblicherweise ist es der Lärm, der uns Menschen aus der Großstadt jagen möchte. Was im Kampf ums Überleben ein wenig untergeht, jedenfalls medial: Ohren kann man verstopfen – Nasen auf die Dauer nicht.

Dabei kam doch mit Tosca einst: die Zärtlichkeit. Und schon ist sie wieder da, wenn nicht direkt die Zärtlichkeit, so doch zumindest die Parfümwerbung, die praktisch permanent den Fernsehbildschirm belagerte, bis Percy Stuart oder Graf Yoster kurz dazwischen durften. Oder Stanley Beamish. Oder Franz-Josef Wanninger. Oder Clementine. Oder Galama. Im Schaukelstuhl.

Tosca, noch immer als „Damenduft zeitloser Eleganz“ beworben, wird bald 100 Jahre alt. Mit Tosca kam eine zupackende und allemal erschwingliche Form der Zärtlichkeit. Im Gegensatz dazu entfesseln moderne Duftkreationen Gefühle tiefer Verzweiflung bis hin zur unverhohlenen Aggression. Erst vorigen Dienstag wollte eine Kinobesucherin eine andere aus dem Saal komplimentieren – oder sagen wir ruhig: prügeln –, die sich daheim offenbar in der Selbstbestäubungsmenge vertan hatte. Beide hatten sieben Reihen voneinander entfernt gesessen. Doch schafft ein intensiver Duft auch über die Distanz hinweg Verbundenheit.

Es muss nicht immer Damenparfüm sein, das uns den Atem raubt. Aftershave ist ebenfalls eine scharfe Waffe, zumal wenn der Herr ein wenig in Wallung gerät. Der erhitzte Körper verbreitet, was ihn olfaktorisch einzigartig machen soll, in unberechenbarer Potenzierung. Duftwasser im Fitnessstudio sollte daher beiden Geschlechtern ein Tabu sein, ein No-Go, ein Pfui.

Die Bedrohung lauert längst auch im Vertrauten. In Zeiten, die das systematische Händewaschen zur Survivalstrategie erheben, schrecken gewisse Arbeitgeber nicht davor zurück, die gewohnte Seifensorte im Waschraum durch eine explizitere zu ersetzen, um sie uns für den Rest des Tages als stillen Begleiter an die Hand (und in die Nase) zu geben. Am Schreibtisch, in der Kantine, beim Meeting, in der Parlamentssitzung steigt uns fortan das Bouquet des Grauens entgegen. Vielleicht ist das ja nur ein Problem für die feinsten Nüstern. Aber Vorsicht, Kollegen: um Himmels willen nicht den lila Spender.

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