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Subversive grüne Netzwerke.

Times mager

Der Duft von Bio-Lamm und der Geist der Weimarer Verfassung

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Die erste demokratische Verfassung Deutschlands und die Kleingartenordnung haben vor 100 Jahren am selben Tag das Licht der Welt erblickt. Was soll das bedeuten?, fragt: die Feuilleton-Kolumne.

Es wäre vollkommen verfehlt, darauf hinzuweisen, dass die Weimarer Reichsverfassung am selben Tag beschlossen wurde, an dem die Deutsche Kleingartenordnung das Licht der Welt erblickte, nämlich gestern vor 100 Jahren, am 31. Juli 1919. Aber da der Hinweis nun hiermit in der Welt ist, muss sofort hinzugefügt werden: Die Gleichzeitigkeit hat weder etwas zu bedeuten noch lässt sie auf irgendetwas schließen. Oder doch?

Die Frage, ob das eine (Verfassung) ohne das andere (Kleingartenordnung) überhaupt möglich gewesen wäre, kann hier ebenso wenig beantwortet werden wie die Frage, ob die Weimarer Republik ohne Kleingartenordnung nicht schon viel früher gescheitert wäre. Aber natürlich wäre es besser gewesen, die Weimarer Republik hätte die Kleingartenordnung überlebt und nicht umgekehrt.

Das allerdings spricht für die Verfassung und nicht gegen die Kleingartenordnung. Die hat nämlich mit dem ganzen reaktionären Kram, der die Demokratie von Weimar praktisch vom ersten Tag an zu unterminieren begann, viel weniger zu tun, als das Vorurteil es will. Der Kleingarten war die Nahrungsquelle des Proletariats und nicht, jedenfalls nicht immer und nicht nur, der Hort bierseligen Spießertums.

Und heute? Sollten Sie selbst keinen Kleingarten haben, aber Freunde, die einen haben, dann gehen Sie unbedingt mal hin. Sie werden schon sehen, dass der Kleingarten zur ordentlich gewässerten Oase gelebten Multikulturalismus geworden ist. Nirgends sonst gehen bürgerliche Intelligenzija, post-migrantisches Proletariat und eingesessenes Kleinbürgertum eine glücklichere Symbiose ein, oder zumindest kann man sich das einbilden.

Sie könnten hier, mitten in der Stadt, zwischen Türkei- und Deutschlandfahnen auf subversive grüne Netzwerke ehemals studentenbewegter, aus abgelegensten Gegenden unseres Landes stammender Menschen treffen, die beim Kirschenpflücken den Kommunismus für tot erklären, aber keineswegs die Hoffnung auf eine bessere Welt. Menschen, die wissen, dass die Wörter „Radieschen“ und „radikal“ aus derselben Wurzel stammen, nämlich radix, lateinisch für: Wurzel.

So bringt über mancher Kleingarten-Anlage der Geist von Weimar auch die Eintracht-Fahne zum Wehen. Der muffige „Geist von Potsdam“ dagegen, den zur Weimarer Zeit die Kaisertreuen und die militaristischen, jedenfalls die rechten Unterwanderer der Republik beschworen, ist hier nicht zu riechen, zumindest dann nicht, wenn der Duft des Bio-Lamms auf dem Grill die Lufthoheit endgültig erobert hat.

Möge er also erblühen, der Geist von Weimar, gerade in diesen Zeiten. Und wo blüht es sich besser als im Garten?

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