Es muss nur ein Mobiltelefon zur Hand sein, so dass die Präsenz, die ein Gegenüber mitbringt, auf unheimliche Weise zunimmt.
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Es muss nur ein Mobiltelefon zur Hand sein, so dass die Präsenz, die ein Gegenüber mitbringt, auf unheimliche Weise zunimmt.

Times mager

Du

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Menschen in prekären Situationen neigen zu sichtbaren Zeichen. Eine Begegnung in der S 6.

Sie möchte einfach nichts mehr hören. Die Person klappt die Augendeckel herunter, nachdem sie die Augen verdreht hat. Menschen in prekären Situationen neigen zu sichtbaren Zeichen. Aber hat sie, die Person, auch gesehen, dass man ihr zugesehen hat, ganz kurz, musste genügen. Menschen, die zu Zeugen von Personen werden, die sich in prekären Situationen befinden, neigen zur Verunsicherung.

Sie möchte auch nichts mehr sehen. Sie macht zu. Die Augen, wie gesagt. Ist er noch da? Er, am anderen Ende der Leitung hätte man früher gesagt, im Zeitalter der Telefone. Heute herrscht das Handy, dir auch an diesem Morgen direkt gegenüber, im Berufsverkehr. Du auf dem Weg in die Firma, ins Büro, an den Schreibtisch, an deinen Arbeitsplatz, je nachdem. Du hellwach.

Denn sie möchte ihre Ruhe haben, sagt sie, betont sie. Sie sagt es anders, aber so lässt sich der Augenaufschlag verstehen, wenn man sieht, wie die Person zum Himmel aufschaut, zum Himmel in der S 6. Da kommt, wenn du mitzählst, nicht laut, nur für dich, also dreiunddreißig, vierunddreißig, fünfunddreißig, also nach fünfzehn Sekunden, die S-Bahn aus dem Hbf-Schacht heraus, mit jedem Meter mehr, sechsunddreißig, siebenunddreißig, kommt die Bahn mehr ans Tageslicht, jedenfalls bei Tageslicht. Und du, immer mehr umgeben von natürlichem Licht, jetzt, da es zum S-Bahnfenster hineinströmt, findest doch keinen Halt für dein Auge. Kein Lichtblick.

Denn sie, die Person, die eigentlich ihre Ruhe haben möchte, tut weiterhin einiges, damit man hören kann, dass sie es eigentlich nicht mehr hören kann, was immer das genau ist. Denn hören kannst du ja nicht, was sie nicht mehr hören kann, auch wenn du zu sehen bekommst, wie abstoßend das ist, was sie nicht mehr hören möchte, was sie jedoch zu ihrem Ohr hinein zu hören bekommt, so dass sie erneut die Augen verdreht, weil sie dich jetzt wahrgenommen hat? Damit du an ihrem Schicksal teilnimmst? Du, der Person gegenüber.

Sie wolle einfach nichts mehr hören, denn die Dinge wiederholen sich, die Wörter, die Mimik, die Gesten. Es muss nur ein Mobiltelefon zur Hand sein, so dass die Präsenz, die ein Gegenüber mitbringt, auf unheimliche Weise zunimmt. Wie präsent bist du jetzt, wie präsent möchtest du dich zeigen? Möchtest du du sein? Spekulierst du auf eine Kritik am Handy, oder auf eine, die über das Handy hinausgeht, und den Handybenutzer meint, also anspricht? Das ist nicht ein- und dasselbe. Oder spekulierst du auf deinen Komplettausstieg aus deiner Lage, an der nächsten Station? Die Dinge wiederholen sich, achtunddreißig, neununddreißig, vierzig, am Ende du.

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