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Times Mager

Dresden

Am 13. Februar 1945 ging meine Großmutter mit ihren drei jüngeren Kindern in den Luftschutzkeller in der Tzschimmerstraße in Dresden. Meine Mutter hat ihn emotional nie wieder verlassen. Von Natalie Soondrum

Von Natalie Soondrum

Am 13. Februar 1945 ging meine Großmutter mit ihren drei jüngeren Kindern in den Luftschutzkeller in der Tzschimmerstraße in Dresden. Meine Mutter hat ihn emotional nie wieder verlassen. So ist sie jung geblieben, genauer gesagt zweieinhalb.

Am Tag nach der Bombardierung ging meine Oma zu Fuß in die Neustadt. Die Wehrmacht fuhr mit Lastern durch die Stadt und sammelte wahllos Überlebende ein. Überall lagen verkohlte Leichen und Pferde mit aufgeblähten Bäuchen. In den Trümmern brannte es, meine Großmutter band sich ein feuchtes Tuch vor den Mund. Bei der Armee setzte sie durch, dass sie mit den Kindern nach Bischofswerda ausreisen durfte, wo ihre beiden ältesten Söhne bei ihrer Schwester lebten.

Meine Großmutter hat nie einfach alles hingenommen. Es gibt ein Foto, auf dem sie ein Paar Hosen trägt, die sie am Tag nach der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 in einem jüdischen Geschäft gekauft hatte. Nein, sie habe keine Angst gehabt, sie habe diese blauen Hosen gewollt.

Die Oma hatte eben viel Kraft, weil sie so gläubig war. Aber sie ging nie in die Kirche und hätte sich nie ein Kruzifix aufgehängt. "Schneckchen, ich habe mir den Hitler und den Goebbels nicht an die Wand gehängt und unsern Herrn Jesus hänge ich mir auch nicht hin."

Nach dem Krieg trat sie nicht in die SED ein. Die Russen hatten ihren Mann verschleppt, da könne man von ihr wohl kaum erwarten, dass sie da mitmachte, war ihr Argument. Doch als meine Tante in der FDJ beim Appell erklärte, da könne man gleich "Heil Hitler" rufen, wurde es eng. Als wenig später die Mauer kam, floh meine Familie in den Westen. Wo sie ständig über Dresden redeten.

Am 9. November 1989 flackerten die Bilder vom Mauerfall über den Fernsehschirm. Alle heulten, die Telefondrähte liefen heiß, die Sektkorken knallten. Doch keiner bemühte sich, das Haus in der Tzschimmerstraße zurückzubekommen. Und meine Oma, die jahrelang Butter und Kaffee in die Ostzone geschleppt hatte, reiste nicht mehr nach drüben. Dort waren alle schon tot, die sie damals gekannt hatte. Heute ist das Geschichte, meine Oma inzwischen auch. Nur für meine Mutter nicht, aber die ist ja erst zweieinhalb.

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