1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Dreierlei halb

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Thomas

Kommentare

Städtische Bühnen in Frankfurt am Main
Die Städtische Bühnen in Frankfurt am Main. © Arne Dedert/picture alliance/dpa

Dreieinhalb Jahre brauchte das Landesdenkmalamt in Wiesbaden, um sich in die Debatte um die Denkmalwürdigkeit der Frankfurter Theaterdoppelanlage einzuschalten. Die Feuilleton-Kolumne.

Alles hat seine Bedenkzeit. Deshalb nahm man sich im Landesdenkmalamt Wiesbaden einfach die Zeit, die man offensichtlich brauchte, um auf sich aufmerksam zu machen, indem man sich kürzlich mit einem Gutachten vorwagte. Zudem hat der Landeskonservator Heinz Wionski soeben in einer Pressemitteilung angedeutet, dass das berühmte, verglaste Hochfoyer der Frankfurter Theateranlage schutzwürdig sei. Die Bezeichnung bedeutet nicht, dass der Gebäudeteil auch tatsächlich aufgenommen gehört in die Denkmalliste des Landes. Der Denkmalschützer begreift seine Initiative als eine „Einladung zum Dialog“.

Das ist merkwürdig, denn seit August 2016 ist klar, dass Frankfurts Theateranlage vor einer Entwicklung steht, die unmittelbar auch Denkmalbelange betrifft. Merkwürdig ist das auch, weil sich Frankfurts Planungsdezernent, Mike Josef (SPD), von dem Anliegen des Landeskonservators nicht etwa überrascht zeigte, stehe er doch als Chef der Unteren Denkmalbehörde mit den Wiesbadenern in – wie zu lesen – ständigem Kontakt, inwieweit für die Theaterdoppelanlage an Frankfurts Willy-Brandt-Platz Denkmalschutz infrage komme. Das, so ergänzte Josef, geschehe seit drei, vier Jahren. Mit anderen Worten: ein ständiger Kontakt seit 150 bis 200 Wochen. Es wird immer merkwürdiger.

Aber jenseits des Wunderlichen. In den Tagen unmittelbar vor Ausbruch der Corona-Krise auch in Deutschland rang sich das Frankfurter Stadtparlament zu der Entscheidung durch, eine Sanierung des maroden Theatergebäudes zu verwerfen und stattdessen einen Neubau zu planen. Es brauchte wiederum ebenfalls einige Zeit, um sich diesen Beschluss zu vergegenwärtigen, jedenfalls fand nicht frühzeitig, sondern nachträglich eine Initiative zusammen, um den Neubaubeschluss anzufechten. Mittlerweile haben sich über 5000 Personen der Petition zum Erhalt der Theateranlage angeschlossen (dazu gab es an dieser Stelle mehrere Interviews). Wie auch immer man die Transparenz dieser tagsüber trüben Vorhangfassade architektonisch beurteilt (und nicht verklärt oder ständig das Foyer mit der Glasfront verwechselt): Auch wegen der Initiative ist die Würde des Gebäudes in der Diskussion geblieben – in der Quintessenz seine dreifache Denkmalwürdigkeit. Als in die Gegenwart reichende Präsenz der Architekturmoderne in Deutschland. Als Reminiszenz an eine kulturelle Aufbruchstimmung in Nachnazideutschland. Als Residenz einer großen Frankfurter Theatertradition.

Über dieses Dreierlei möchte nun eine bisher halbherzige Denkmalbehörde nach dreieinhalb Jahren mit der Stadt Frankfurt einen Dialog führen. Alles hat seine Zeit. Manches zieht sich aber auch bloß hin. Unverrichteter Dinge.

Auch interessant

Kommentare