Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kolumne

Draußen

S-Bahnangestellte sind letztlich schüchterne Leute. Doch bisweilen merken auch sie, das ihr Leben sich von dem in einem Gefängnis gar nicht so sehr unterscheidet. Und die Fahrgäste sind die Zeugen davon.

Morgens ist es in der S-Bahn nicht interessant. Man muss ins Büro und geht sich still aus dem Weg. Angestellte sind letztlich schüchterne Leute. Anders verhält es sich, wenn nun drei Männer einsteigen, die keinen Hehl daraus machen, dass sie soeben aus dem Gefängnis entlassen worden sind. Darauf trinken sie Bier, reden über die Assis, die noch dort sind, das schlechte Essen – aber gestern war es gut, und der Milchreis am Samstag: spitze! –, und dass man dem und dem eins aufs Maul gegeben hat. Weil es nicht anders ging.

Wohl dem, der in der richtigen Blickrichtung sitzt. Die anderen drehen den Kopf genau so weit nach hinten, dass es eben noch ein Räkeln sein könnte. Komisches Räkeln. Der Mann, der dem und dem eins aufs Maul gegeben hat (weil es nicht anders ging), kommt jetzt auf seinen Hund. Ein Labrador. Als er verhaftet wurde – jetzt fällt der Herr gegenüber gleich vom Sitz vor lauter Drehung –, sollte der Hund ins Tierheim. Da hat er der Polizei aber seine Meinung gegeigt. Neulich gingen wieder drei Duschen nicht, Sauerei, die wo dafür verantwortlich sind, schreit man an, aber da hilft auch nichts. Auf Arbeit sei es am Ende nur noch Mist gewesen, nur noch Mist. Heute, sagt der Mann, wird er saufen und seinen Hund suchen, morgen geht’s aufs Amt. Einen Sozialarbeiter habe er null Mal gesehen. Als der erste Kumpel, mach’s gut, Kumpel, aussteigt, setzen sich die anderen und werden auch stiller. Das mit der Vergewaltigung, sagt der eine, das sei rein gar nichts gewesen. Der andere nickt, er hört das nicht zum ersten Mal.

Die Angestellten in der S-Bahn sind aber noch einmal aufgeschreckt worden. Längst hatten sie sich an die drei gewöhnt. Längst hatten sie begriffen, dass ihr Leben sich von dem der Inhaftierten nicht ganz so spektakulär unterschied, wie sie dachten. Einigen fiel vielleicht ein, was Kurt Tucholsky über Egon Erwin Kisch schrieb. So heißt es genau: „Er sieht sich in fremden Ländern allemal die Gefängnisse an. Denn maßgebend für eine Kultur ist nicht ihre Spitzenleistung; maßgebend ist die unterste, die letzte Stufe, jene, die dort gerade noch möglich ist.“ Im vorliegenden Fall ist man womöglich etwas erleichtert, ermutigt ist man nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare