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Die Gitarre ersetzt nicht nur, rein kulturanthropologisch, den Porsche als Penisattrappe und hält dadurch viele Männer im gehobenen Alter von der Straße weg.

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"Die Gitarrenbands sind jetzt tot", behaupteten die Beatles 1962. Und was ist heute?

Schon gehört? Die Gitarre ist tot. Noch nicht ganz mause, aber sie riecht schon ein wenig nach gekochtem Hundefutter, spätestens seit die „Washington Post“ jüngst ihr Hinscheiden prophezeite, unter dem Titel „Why my guitar gently weeps“.

Und jetzt? Es wird übel enden, denn die „Post“ hat ziemlich gute Zeugen. Nicht nur den 71-jährigen Gitarrenhändler George Gruhn, der schon Geräte an Eric Clapton und Neil Young verkauft haben soll, und der sagt, wir hätten keine Gitarrenhelden mehr. Nein, auch die Beatles: „Gitarrenbands sind jetzt tot“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert. Es war übrigens 1962, als die Beatles das sagten, aber was damals galt, muss ja inzwischen nicht falsch sein, oder, Paul McCartney? „Sie haben keine Gitarrenhelden mehr, wie du und ich welche hatten“, sagt der verbliebene Oberbeatle heute.

Da stehen wir nun. Gerade noch Eddie Van Halens „Cathedral“ und „Spanish Fly“ mit verklärten Augen gehört, das Solo aus „Hotel California“ von den Eagles mitgepfiffen. Dem unsterblichen Riff aus „Brother Wolf, Sister Moon“ von The Cult gehuldigt, dem fanfarenartigen Einstieg in „Love Like Blood“ von Killing Joke. Wie „Spellbound“ von Siouxsie & The Banshees anfängt! „This Charming Man“ von den Smiths. „Sister Golden Hair“ von America. Eigentlich alles von Police. Oder, um auch mal was Modernes zu nehmen: Stellen Sie sich Ed Sheeran ohne Gitarre vor. Bonamassa! Und jetzt soll das Ding tot sein? Kalt? Hinüber?

Bitte nicht. Wir brauchen sie doch. Die Gitarre ersetzt nicht nur, rein kulturanthropologisch, den Porsche als Penisattrappe und hält dadurch viele Männer im gehobenen Alter von der Straße weg. Die Gitarre ist auch easy von A nach B zu bewegen, sogar nach Es-Dur, während der Flügel noch auf den Möbelwagen wartet, und sie besticht nicht zuletzt als Wunder an Form und Funktion. Du spannst Drähte auf einen halben Meter Holz und glaubst, das würde klingen? Hahaha ... hallo! Und das klingt, wenn das Ding gut gebaut ist, auch nach 50 Jahren noch.

50 ist das Magazin „Guitar Player“ in diesem Jahr geworden. Autor Michael Molenda schreibt, seine Generation werde nicht zu den Verdächtigen gehören, sollte man die Gitarre irgendwo ermordet auffinden: „Ich hab nichts gesehen, Officer, aber fragen Sie mal den Teenager da drüben.“

Molenda fragt die Leser nach ihrer Gitarrenprognose, Daumen hoch/runter? „Sollen Kids heute die Musik ihrer Großeltern lernen?“, fragt einer bitter zurück. „Ich hab 20 000 Stunden geübt und spiele immer noch mies“, schreibt ein anderer. „Es kostet Zeit, Übung, Schmerzen“, bündelt einer die Hindernisse für die Generation Ratzfatz. Und noch einer variiert Mark Twain: „Wäre ich eine Gitarre, würde ich sagen, die Nachrichten über meinen Tod sind stark übertrieben.“

Immerhin, schöpft die „Post“ ein wenig Hoffnung, Popstar Taylor Swift (27) gelte beim Gitarrenbauer Fender als einflussreichstes Vorbild an den Saiten. Nicht weil sie so tolle G-Dur-Arpeggi spielen könnte. Die Fans mögen, wie sie damit aussieht.

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