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"Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden", behauptete Heinrich Böll vor rund 60 Jahren.

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Ein "riesiges Dorf mit sechs Millionen Einwohnern": Heinrich Böll beschrieb vor 60 Jahren das Ruhrgebiet und löste damit einige Kritik aus.

In diesen Tagen vor sechzig Jahren ging es um die Wahrheit, um nichts weniger als die Wahrheit, wie die Advokaten der Wahrheit zu betonen nicht müde wurden, sahen sie doch die Wirklichkeit falsch dargestellt, sich, ihre Mitmenschen, ihre Umwelt, Lebenswelt und Arbeitswelt. Um eine Reportage war eine heftige Kontroverse entbrannt – was man so entbrennen nennt, es war ja gar von einem „Krieg um ein Buch“ die Rede. Wie es sich für die Reportage gehörte, hatte sie einen eminent vielversprechenden ersten Satz: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden“ – und verheißungsvoll ging der Satz über eine unbeachtete Provinz weiter, eine vernachlässigte Gegend, eine ohne „Grenzen und Gestalt“. Ein längerer Satz, viele Semikola, ein Satz für die Lesebücher. Keiner für die Schulbücher von Journalisten.

Heinrich Bölls Text brachte das Revier gegen sich auf, einen Oberbürgermeister, einen Verkehrsdirektor, einen Presseamtsleiter, einen Verkehrsvereinsleiter. In der Zeitung des DBG, das Internet war noch nicht einmal angedacht, aber eine rhetorische Figur des Echoraums doch schon, wurde Böll „unverständlicher Wortbombast“ und „hochgeistige Schludrigkeit“ nachgesagt. Für den Ruhrgebietsbericht hatten sich zwei Kölner gefunden und zusammengetan, der Schriftsteller und der nicht weniger prominente Fotograf Chargesheimer.

Bölls Part war um eine vielseitige Perspektive auf das Ruhrgebiet bemüht, auch deswegen war sein Text eine Mischung aus Bericht und Analyse, aus Reportage und Fiktion. So etwas wie ein literarischer Hybrid? Der war sozusagen die Brille, durch die der Autor das Ruhrgebiet vielperspektivisch sah, ein „riesiges Dorf mit sechs Millionen Einwohnern“, eine Industrielandschaft, sowohl deren ökonomische Dynamik als auch ein ökologisches Desaster. In der Region sah er ein Betätigungsfeld archaischer Maloche, zugleich sah er in der Kohle einen Zukunftsstoff für die chemische Industrie. Und weil es um eine Mentalität ging, erkannte er in dem Humor so etwas wie einen Rohstoff des Standhaltens.

Bölls Realismus gegenüber dem Kohlenpott wurde als Schwarzmalerei verleumdet. Böll stellte sich der Diskussion, die Konfrontation fand in Essen statt, in der Stadt, in der der Oberbürgermeister dem Autor „Diskriminierung des ganzen Reviers“ vorgeworfen hatte. Böll gab zu bedenken, dass sein „Versuch eines Porträts in Prosa“ keinen Anspruch auf „Objektivität“ erhebe, er habe schließlich keinen Lexikonartikel angestrebt. Durch einen Zeitungsartikel ist ebenfalls überliefert, dass es, um „ein solches Gebiet als Schriftsteller vollständig darstellen zu können“, 50 Jahre Zeit brauche. Nun denn – man kann festhalten, dass die Jahrzehnte seitdem gut genutzt wurden. Astrein, prima, dobsche, man darf es sich aussuchen.

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