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Auf Distanz

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Von: Christian Thomas

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In Neapel ist immer was los. Nach dem Sieg des SSC Neapel bei Juventus Turin sah es sogar fast so aus, als wollte der Vesuv ausbrechen.
In Neapel ist immer was los. Nach dem Sieg des SSC Neapel bei Juventus Turin sah es sogar fast so aus, als wollte der Vesuv ausbrechen. © Imago

Neapel ist ein Moloch. Deshalb möchte man die Stadt doch eher auf Entfernung sehen.

Auch abends ist es hier nicht richtig still, sobald man sich zum Blick auf die Bucht einfindet, sich einlässt auf den Golf von Neapel, dem schweifenden Blick über die Stadt überlässt. Auch liegt dann da der Vesuv. Aber was heißt schon, er liege? Im Abenddunst ist er auszumachen, mit der aufziehenden Feuchtigkeit verflüchtigt er sich, nicht exakt geradeaus vor der Nase, eher bei kurz vor 12. So geht es dem, der als Tourist sehr genau hinschaut. 

Viel hat das Auge zu tun in dieser Weltgegend, die weltberühmt ist. Deshalb wird das Auge nicht nur abends angeregt, und wenn es dann nicht still wird auf der Terrasse, hat das auch damit zu tun, dass der Zuschauer zu plappern anfängt, sobald ihm nach etwas Besonderen zumute ist. Der Beobachter, der nicht still sein kann, gönnt sich keine Pause, weil er seinen Gedanken ununterbrochen hinterher sein möchte. Wie sagt man noch? Silbergrau, azurblau? Richtig. Zum Terrassenblick gehört der touristische Blick, hinweg über diesen Golf, mit all seinen Farben und Formen. Nicht zu übersehen der apokalyptische Berg, so gut wie geradeaus. Ach, Neapel, die ganze Palette. 

Sehen, sterben. Aber wie kann man nur sehenden Auges in einer Todeszone leben? In der roten Zone! Schlimm genug. Auch abends wird es nicht still um Neapel, vom Tisch aus der Blick auf die Kapitale des Südens, das Königreich der Camorra, so gibt ein Wort das andere, zwangsläufig heißt das: Kriminalität und Korruption. Und das sind nun mal keine Vorurteile, so ist es nachzulesen im Baedeker oder bei Roberto Saviano. Neapellektüre, die auf dem Nachttischchen verblieben ist, während es beim Terrassenblick nicht still wird um Neapel, beim Sehen hinweg über den (glitzernden) Golf, auf die (große) Stadt. Neapel auf Entfernung sehen und nach Distanz streben. 

Denn die Stadt ist ein Moloch. So sagt es auch ihr Biograf, Dieter Richter, in seinem Neapelbuch. Menschengemachte Katastrophen, Naturkatastrophen – so erzählen weitere Autoren. Italien, so sagt es die Reiseleiterin während der Neapelfahrt, ist das Land, „wo alles wird möglich sein“. Und Neapel, lässt die Süditalienerin P. durchblicken, ist die heimliche Kapitale, „wo alles wird möglich sein“.

Nie wird es still um die Stadt, auch nicht in der Nacht, als Napoli mit 1:0 bei Juve gewann, in letzter Minute. Das war erst kürzlich, als nur wenige Sekunden später ein Beben durch das Hotel ging, ausgelöst in den Quartieren der Bediensteten, und gegenüber, jenseits des Golfs, Feuerwerke aufstiegen. Überall unterhalb des Vesuvs stoben fleißig Fünkchen auf aus der Stadt.

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