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Was tun, wenn das Dingelchen nicht heraus will?

Times mager

Dingelchen

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„Ah, ein Würzelchen steckt noch drin“: Niedlich, so eine Extraktion.

Mit dem Wort „Extraktion“ eine ad hoc erforderliche Aktion einzufädeln, ist ein guter Trick, wenn die Betreffende über keine Kenntnisse in romanischen Sprachen verfügt. Ihr gegenüber belässt man es beim schlichten: Der muss weg. Und während es in ihr noch arbeitet, denn was bedeutet das hierbei: Der muss weg?, ist der Eingriff im Gange.

Etwas anderes ist es, wenn die Extraktion von langer Hand verabredet ist. Dann sagt er zum Beispiel: Dann nehmen wir heute mal das Dingelchen raus. Dann macht er Konversation – gibt also ein bisschen an, aber ganz okay –, anstatt jedoch bloß hineinzuschauen, hat er bereits zugepikt. Dann unterhält er sich mit seiner Assistentin über einen unbekannten Dritten mit gravierenden Gesundheitsproblemen (was ist da so ein Dingelchen, denkt die Betreffende und ist froh), und das Gerät, das er jetzt benötigt, lässt er dergestalt von unten auftauchen, dass allein ein Uhu es sehen könnte. Denn nun kommt der Wilhelm-Busch-Teil. Der Wilhelm-Busch-Teil ist heute abgedämpft genug, um ihn aufmerksam zu verfolgen, obwohl man selbst nun die zappelnde Person ist, Friedrich Kracke (reimt sich auf Backe). Auch Kracke ist kein Freund solcher Vorgänge, erst auf Bild 14 handelt er vernünftig, wobei Busch ihm den Phobikersatz beigibt: „Zuletzt fällt ihm der Doktor ein.“

Kommen wir zurück auf den mechanischen Vorgang. Das Dingelchen will schließlich nicht heraus, warum sollte es, steckte da seit Jahrzehnten, aber es muss nun halt. Körperkraft,Hebelwirkung und Drehtechnik werden es richten. Für ein Paar Sekunden spricht keiner mehr. Es ist ein Knirschen und Kraksen. Dann schaut er auf sein Werk und sagt den nicht in vielen Lebenslagen anwendbaren Satz: „Ah, ein Würzelchen steckt noch drin.“ Dann schaut er erneut auf sein Werk und scherzt zur Assistentin: „Empfehlen Sie mich weiter.“ Das hört diese wohl nicht zum ersten Mal, die Betreffende aber gern.

Erfreulicherweise ist sie ja ab jetzt nicht nur die Heldin des Tages, sondern hat auch ihre Ruhe. Unter dem Stichwort „Zahn ziehen, Entfernung von Zähnen, Zahnextraktion“ meldet das Chirurgie-Portal im Netz: „Ebenso sollten wichtige Entscheidungen vertagt werden.“ Herrlich.

Bemerkenswert ferner, wie wenig all das mit der erotischen Fantasie zu tun hatte, die Corinna T. Sievers (selbst vom Fach) in ihrem diesjährigen Klagenfurter-Literaturwettbewerb-Beitrag „Der Nächste, bitte!“ entwarf. Der literarisch weitgehend verpuffte, aber für den Alltag Aufregung versprach. Nichts davon aber zeigte sich hier draußen im Leben.

Überhaupt war es natürlich blöd. Darum, liebe Kinderlein, esst nicht zu viele Bonbons und geht immer brav zum Zahnarzt.

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