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Vor der Zeit am 24. Türchen zu gnubbeln ist ein starkes Stück. 

Times mager

Dimensionen

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Aus aktuellem Anlass: Adventskalender, Reisegruppen und Gedichte von Friederike Mayröcker.

Zu Recht hält sich die asiatische Reisegruppe an die Schokoladenadventskalender, die derzeit ausschließlich Vorteile mit sich bringen: Sie sind kostengünstig, und man kann in rasender Geschwindigkeit die ersten 19 und jetzt schon 20 Klappen öffnen. Dass die Dame dort an der 24 gnubbelt, ist allerdings ein starkes Stück. Lächelnd droht ihr die Verkäuferin mit dem Zeigefinger und schüttelt den Kopf. Das Gesicht der Asiatin dürfte daraufhin ungefähr besagen: Gottelchen, die Europäer haben nicht alle Tassen im Schrank, aber sind sie nicht auch süß?

Ethnologisch ist das apart mit einem Zug ins Beunruhigende, es ist aber auch der Abend, um sich nicht aufzuhalten, sondern mit allen Versäumnissen der vergangenen Wochen fertigzuwerden durch einen sogenannten Befreiungsschlag. Ein Desaster, erwartungsgemäß, weder finden sich die Spezial-P. für W., noch das fadendünne Dings für D., und es mag wohl sein, dass alle Menschen heute im Internet bestellen, aber die Warenhäuser in der Innenstadt schaffen sie außerdem noch.

Dabei im Hinterkopf selbstverständlich permanent der Gedanke daran, dass die Dichterin Friederike Mayröcker am heutigen Freitag ihren 95. Geburtstag feiert. Und gescheitert auf dem Sofa dann jene Zeilen – aus dem Suhrkamp-Band „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ –, die jedoch wohlgemerkt am frühen Morgen eines 15. Januar (05) niedergeschrieben wurden: „ist das 1 Gedicht, sagt CF, ja / das ist 1 Gedicht: indem ich sage das ist / 1 Gedicht ist es 1 Gedicht“. Die Dichterin hat Macht und Übersicht, sie sagt an, und sie stellt selbst her, was sie braucht. Aber ein Zeitproblem wie wir anderen hat sie auch. „Man müsste wenigstens zweihundert Jahre alt werden“, erklärte sie vor 15 Jahren zu ihrem 80. Geburtstag in einem großen Gespräch in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Interviewerin Iris Radisch hakte natürlich nach, Mayröcker darauf: „Ja. Man braucht so viel Zeit. Ich würde das Leben aufteilen. In einem Leben würde ich nur lesen, in einem nur schreiben und in einem nur reisen. Dann brauchte ich noch eines, um mehrere Sprachen zu erlernen.“ Das ist aber nicht maßlos, sondern vernünftig, zumal die Dichterin offenbar vorhat, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie denkt in größeren Dimensionen.

„Indem ich sage, die / weiszen Schäfchen am Himmel, sind es die / weiszen Schäfchen am Himmel“, heißt es schließlich in „für CF am frühen Morgen“. 15. Januars können gerade in der Frühe erfrischend und klärend sein, außerdem angenehm menschenleer. Die Nacht auf den 20. Dezember hingegen reuevoll im Internet verbracht, und selbst hier war alles ganz verstopft.

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