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Wie zum Beweis „Babylon Berlin“ – ein Filmtitel als was? Faszinosum? Menetekel?

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Verhältnisse à la Weimar - zum Jahreswechsel 2020 ein beliebter, ein törichter, ein demagogischer Vergleich.

Zukunft lässt sich gewinnen nur durch Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Deshalb ist der Talkshowslogan frohgemuter Optimisten oder verschlagener Populisten, das ständige Zurückblicken bringe nichts, so töricht wie ideologisch. Augen zu und durch, daran glauben in diesen Tagen aber womöglich nicht ganz so viele Menschen wie sonst. Sind es doch zum Jahreswechsel Tage der Reminiszenz: 100 Jahre 1920er Jahre.

Lehren ließen sich ziehen. Ist jedoch aufwendig. Handlungsanweisungen dagegen lassen sich aus dem Vergleich mit den Weimarer Verhältnissen nicht ziehen. Das macht die Sache anspruchsvoll. Denn von einer demagogischen Rechten werden Verhältnisse à la Weimar herbeigesehnt, von einer generalisierenden Linken herbeigeraunt. Wie zum Beweis „Babylon Berlin“ – ein Filmtitel als was? Faszinosum? Menetekel?

Es sind auch die Institutionen der Republik, die in dem Fernsehvielteiler äußerst schlecht abschneiden. Wollte man aus diesem fiebrigen TV-Krimi anstelle hysterischer Analogien eine historische Lektion ins neue Jahrzehnt mitnehmen, dann den Respekt vor dem repräsentativen Prinzip, das Rechtsextremismus und Linksradikalismus gleichermaßen diffamieren. Als hätte es etwa das fatale Volksbegehren gegen den Young-Plan, 1929, nicht gegeben. Nicht dass die Weimarer Republik an dem Volksbegehren zugrunde gegangen wäre, aber auch diese Empörung, massiv instrumentalisiert von den Nazis, richtete sich gegen die Institution der repräsentativen Demokratie.

Empörung hat oft ein besonderes Charisma. Die Institutionenkritik auf der Straße, immer schon laut, ist auch auf dem Bürgersteig unüberhörbar lauter geworden. Ebenso in der U-Bahn, am Pfandflaschenautomaten, in den Online-Medien, hinter dir und vor dir. Dort, wo politische Populisten den Ton diktieren, fühlt sich der Generalist bei jeder privaten Gelegenheit aufgerufen zur Radikalopposition. Auch sie hat ihr eigenes Charisma – wie die Beschäftigung mit Verhältnissen à la Weimar zeigt/lehrt.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, trotz der Hochkonjunktur für schiefe Vergleiche. Allerdings, wie soll der Glaube an Institutionen gewahrt werden, wenn in der Gesellschaft Traditionen, Bindungen und Verbindlichkeiten, keine Rolle mehr spielen, angefangen an der Institution Arbeitsplatz – einer Einrichtung, die oft nur noch Marktkonformität repräsentiert. Man nennt es auch, was für ein Wort: Marktgerechtigkeit.

Radikal, wie diese Form der Gerechtigkeit ausgelegt wird, untergräbt sie Loyalitäten systematisch. Vielerorts Verhältnisse, die auf einen destruktiven Vertrauensverlust hin angelegt sind.

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