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Die Zelle

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Von: Sylvia Staude

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Ausrangierte Telefonzellen stehen auf einem abgezäunten Gelände in Brandenburg.
Ausrangierte Telefonzellen stehen auf einem abgezäunten Gelände in Brandenburg. © dpa

Liebe Telekom ... ein Plädoyer gegen die Abschaffung der Telefonzelle.

Nebel wallt. Nasses Kopfsteinpflaster glänzt. Nacht. Tiefste, unheimlichste Nacht. Aus den Nebelschwaden taucht eine Telefonzelle auf. Die Kamera zoomt näher. Und näher. Praktischerweise hat, wer auch immer zuletzt telefoniert hat (oder bloß zu telefonieren versuchte?), die Tür der Telefonzelle in seiner Hast aufgelassen. So dass nun der Blick der Zuschauerin auf die Telefonhörerschnur fallen kann und auf einen noch leicht pendelnden schwarzen Bakelit-Hörer. Ein schlechtes Zeichen, ein sehr schlechtes Zeichen, wenn der Hörer nicht mehr auf die Gabel gehängt werden konnte. Da, ein paar Münzen liegen auf dem dreckigen Boden der Zelle. Oh je.

Da hört man auch schon eilige Schritte, jemand biegt um die Ecke – der Kommissar ist wieder mal zu spät gekommen.

Liebe Telekom, du willst die Telefonzelle schon bald komplett abgeschafft haben, aber denke doch an all die Filme, denen nun ein wichtiger Schauplatz fehlt. Von wo aus soll denn in Zukunft der Spion die Spionin kontaktieren? Weiß doch jeder und jede, die Dubioses im Schilde führen, dass Mobiltelefone geortet werden können. Wo soll eine junge Frau mit zitternden Händen in der Geldbörse kramen, entweder, weil sie verfolgt wird und ahnt, dass der Verfolger keine guten Absichten hat, oder weil ihr Liebster sie versetzt hat – sie weiß noch nicht, dass er drei Ecken weiter in seinem Blut liegt. (Schnitt: Die Häuserwände werfen zuckendes Blaulicht zurück, die Polizei ist eben eingetroffen.) Wo soll der Erpresser (der, keine Sorge, am Ende gefasst werden wird, denn irgendeinen Fehler machen sie immer), heiser seine Bedingungen raunen, während er den Hörer mit einem blütenweißen Taschentuch umfasst? Wo soll gerade im richtigen/gerade im falschen Moment eine Person auftauchen, die ebenfalls telefonieren möchte, und Zeuge werden einer Notlage/einer Schurkerei?

Gewiss, wo man früher in den Hörer rufen konnte (und die Eltern konnten es nicht nachprüfen): Gleich ist mein Kleingeld alle, ich muss aufhören! Da kann man heute behaupten, ins Funkloch geraten zu sein –, jedenfalls solange es noch Funklöcher gibt, also bis etwa ins Jahr 2158. Gewiss, mit dem Mobiltelefon kann man an der frischen Luft telefonieren, wenn es einen nicht stört, dass alle mithören können. Außerdem gerät man nicht in Panik angesichts viel zu schnell durchratternder Münzen. Man gerät erst in Panik, wenn man die Monatsabrechnung des Mobilfunkanbieters erhält bzw. endlich das Passwort findet, um sie öffnen zu können.

Stundenlange Gespräche aus Telefonzellen könnten möglich werden, weil kaum noch jemand weiß, dass es sie gibt. Liebe Telekom, überleg es dir noch mal.

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