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Die sechs

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Von: Judith von Sternburg

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Fatma Aydemir, Kolumnistin und Schriftstellerin, spricht bei einer Lesung auf der Lit.Cologne.
Fatma Aydemir, Kolumnistin und Schriftstellerin, spricht bei einer Lesung auf der Lit.Cologne. © Oliver Berg/dpa

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis – und wie immer haben wir auch einen Tipp. Hat aber noch nie gestimmt.

Unsereiner lag bisher immer falsch, wenn auch nicht ganz so falsch wie in der FR-Bundesligatippgemeinschaft. Nun verabschieden wir uns also offiziell von der geheimen Hoffnung, Dagmar Leupolds einsamer und schwer unterschätzter Herr Harald aus „Dagegen die Elefanten!“ könnte auf einen Schlag berühmt werden. Oder die Wiederauferstehung des verfinsterten Heimatromans, wie Reinhard Kaiser-Mühlecker ihn versteht und seit inzwischen auch schon etlichen Jahren schreibt und jetzt in „Wilderer“ wieder geschrieben hat, könnte Furore machen. Oder die Diskussionen über die Menschenrechtslage in der Türkei könnten durch einen schmalen Roman aus Frankfurt, Anna Yeliz Schentkes „Kangal“, enorm Fahrt aufnehmen. So ist es nicht gekommen, aber das spricht lediglich für die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2022, die es in sich hatte.

Chancen auf den Hauptgewinn haben jetzt andere Bücher, eine farbenreiche Auswahl auch das. Nicht nur alphabetisch weit oben Fatma Aydemirs „Dschinns“ (Hanser), ein markanter Titel des Frühjahrs und eine klassisch um eine Beerdigung gruppierte, stimmenreiche Familiengeschichte, die in die Zeit zurückreicht, als es das Wort „Gastarbeiter“ noch gab. Wieder dabei ist der 35 Jahre ältere Jan Faktor, schon 2010 auf der Shortlist mit „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ und diesmal mit dem Titel „Trottel“ (Kiepenheuer & Witsch) vertreten. Nicht die einzige Longlist-Erzählung über einen Außenseiter (denken Sie bitte noch einmal ganz kurz an Herrn Harald). Der Erzähler, dessen Lebensweg durchaus an den des Schriftstellers Faktor erinnern kann, stammt aus Prag und hört gerne Rammstein. Er hat seinerseits einen „Hodensack“-Roman geschrieben. Im Kern steckt aber die Geschichte einer unüberwindbaren Trauer um einen Sohn. Ja, das ist auch in einem Schelmenroman möglich.

Kristine Bilkau erzählt in „Nebenan“ (Luchterhand) von zwei Frauen aus Norddeutschland und den Abgründen des Alltags. Daniela Dröscher erzählt in „Lügen über meine Mutter“ (Kiepenheuer & Witsch) von einer Kindheit im Hunsrück und den erst recht abgründigen Abgründen des Alltags. Originell die Form: ein Buch, das sich gelegentlich selbst essayistisch unterbricht (und bricht).

Eckhart Nickels Kunstkomödie „Spitzweg“ (Piper) ist der gewitzteste von etlichen gewitzten Longlist-Titeln, der auf die Shortlist gelangt ist. Kim de l’Horizon (1992 bei Bern geboren, die jüngste Person der Liste) erzählt in „Blutbuch“ (Dumont) von einem Menschen namens Kim, der das Nichtbinäre in sich entdeckt. Ein Versuch, Sprache für etwas zu finden, was es noch nicht lange gewöhnt ist, sich auszudrücken.

Kein Suhrkamp-Titel unter den letzten sechs, keiner von S. Fischer, kein „kleiner“ Verlag vertreten.

Wenn das Times mager jetzt definitiv auf Aydemir oder Faktor tippt, sind Sie durch den Anfang des Textes bereits gewarnt. Finale ist wie immer im Frankfurter Römer, diesmal am 17. Oktober.

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