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Diamant

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Von: Sandra Danicke

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Diamanten aus Kunst und Kot – ist das eine gute Idee? (Symbolbild)
Diamanten aus Kunst und Kot – ist das eine gute Idee? (Symbolbild) © Jan Pietruszka/Imago

Was ist wohl mehr wert: eine Rauminstallation oder ein Hochkaräter? Und was, wenn beides identisch ist?

Aus Scheiße Kunst machen – die Idee ist nicht gerade neu. Eine ganze Reihe von Künstlern hat aus Kot Werke fabriziert, am bekanntesten ist wohl Pietro Manzoni, der das Produkt seiner eigenen Verdauung bereits vor mehr als 60 Jahren in Dosen verkauft hat. Die Idee, die der Schweizer Christoph Büchel jetzt verkündete, erscheint im Ergebnis zwar weniger unappetitlich, überzeugt aber inhaltlich kaum.

Der Künstler will seine bisherigen, nicht verkauften Werke angereichert mit eigenem Kot zu Diamanten pressen lassen. Aus Platzgründen erscheint das immerhin sinnvoll, denn Büchel ist bekannt für große, extrem vollgepackte Installationen. 2008 hatte er unter dem Titel „Deutsche Grammatik“ im Fridericianum in Kassel ein gigantisches Konglomerat unterschiedlicher Räume anlegen lassen, zu denen eine Kegelbahn samt Restaurant und Festsaal gehörten. Büchel re-inszenierte hier die Ereignisse von 1989/90, als DDR-Bürgerrechtler Tausende Säcke mit Stasi-Aktenschnipseln vor der endgültigen Vernichtung retten konnten und versuchten, die von Stasi-Offizieren teils per Hand zerrissenen Papiere wieder zusammenzusetzen.

Platzraubend auch das Wrack eines gesunkenen Flüchtlingsschiffs, das Büchel 2019 auf der Biennale in Venedig ausgestellt hat. Das alles muss ja irgendwo hin.

Mit den Diamanten ist die Sache natürlich formschön gelöst. Das Hochdruck-Hochtemperatur-Verfahren, das bei Büchels Hervorbringungen zur Anwendung kommen soll, imitiere den sonst Milliarden von Jahren dauernden Wachstumsprozess natürlicher Diamanten, heißt es. Die Ergebnisse seien chemisch, physikalisch, atomar und optisch mit natürlichen Diamanten identisch.

Wenn das so ist, geraten sie erstens nicht aus der Mode und verlieren zweitens nicht an Wert. Die meisten Menschen können mit Diamanten etwas anfangen – und sei es als Kapitalanlage. Nur: Was unterscheidet die Diamanten dann von denen aus dem Juwelierladen? Und was ist so ein Büchel-Kot-Diamant wert? Steigt der Wert nach dem Ableben des Künstlers, wie es bei Pietro Manzoni der Fall war?

Als Damien Hirst 2007 für 75 Millionen Euro einen mit Diamanten besetzten Totenschädelabguss verkaufte, galt das als Riesencoup – bis sich herausstellte, dass er selbst der Käufer war.

Die Kunst-Diamanten sollen auch aus künftigen Werken Büchels fabriziert werden, sofern diese nicht umgehend verkauft werden. Da fragt man sich: Gibt sich der Künstler künftig noch Mühe mit seinen Installationen, falls sich die Diamanten als begehrter herausstellen? Werden Kunstkäufer beherzter zuschlagen, um die Verwandlung der Arbeiten zu verhindern?

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