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Deutungshoheit der Heimat

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Von: Christian Thomas

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Faszination Wald - In den 60er Jahren wurde Heimatkunde zum Abenteuer.
Faszination Wald - In den 60er Jahren wurde Heimatkunde zum Abenteuer. © rtr

Tannenzapfen zupfen, Pilze sammeln, Mückenstiche abholen. Heimatkunde war in den 60er Jahren durchaus ein Abenteuer. Und heute?

Heimat war nicht immer abwegig, auch über die Heimatkunde fand man einen Zugang, hin zu ihr. Sie, die Heimatkunde, war ein Schulstoff, der Erst- bis Viertklässler in einer pädagogischen Anstalt zusammenbrachte, als diese noch Volksschule hieß. Das ist wahrhaftig schon länger her. Zu dieser Zeit war die Heimatkunde ein schulisches Angebot, bei dem man mehrmals im Jahr an die frische Luft kam. Himmel, freies Feld. Ein Fach, für das man zahlreiche Steine umdrehte oder im Wald Tannenzapfen zupfte. Oder überhaupt den Wald zusammen mit 40, 50 Klassenkameraden (und –kameradinnen) dermaßen auf den Kopf stellte, dass man kein einziges Tier gesehen hatte, am Ende des Tages.

Unter freiem Himmel war Heimatkunde ein Abenteuer, bei dem man, wenn man Glück hatte, aus dem Moor lebendig zurückkam, trotz der dort sich abspielenden Schauergeschichten, aber doch dermaßen von Mücken heimgesucht, dass man am nächsten Tag, auf dem Schulhof deren Stiche zählte. Einstiche wie Einschüsse. Nur wer unter allen 40 bis 50 Kameraden und Kameradinnen 40 bis 50 (Einstiche) nachweisen konnte, durfte in den nächsten Tagen weiterhin mitreden.

Heimatkunde war in den 1960er Jahren durchaus ein Abenteuer. Und wer in den 70er Jahren drauf und dran war, die Schule zu verlassen, der war für die Heimat trotzdem nicht sehr empfänglich, weil während des Heimatkundeunterrichts doch einiges versäumt worden war. Beim Schulstoff Heimat war man über den ersten Schritt tatsächlich nicht so recht hinausgekommen. Nicht über Pilzeeinsammeln, Mückensticheabholen. Es blieb bei den Fragen: Wie und wann entstand die Kohle, woher kommt das Moor?

Viel in der Erde hatte mit Gärung zu tun, aber auch mit Druck - und irgendwann starb auch das Heimatbewusstsein ab. Unter dieser Entwicklung litt dann auch das Heimatgefühl stark. Mit einem Mal der Umschlag, ein anderes Sprechen. Jeder Gedanke an Heimat fiel dem kritischen Bewusstsein nun sehr schwer, weil klargeworden war, wie viele und welche Verbrechen im Namen Deutschlands verübt worden waren. Heimat – aber kein Gedanke mehr! Heimat hatte überhaupt nichts Verehrenswertes fortan, nur noch etwas Ehrenrühriges, und so überließ man einen bösartigen Heimatbegriff den hinterhältigen Heimatstrategen. Das wollte so kein Heimatkritiker, aber es war ein weiterer Triumph der Blut-und-Boden-Apologeten, dass sie bei dem, was Heimat war, die Deutungshoheit behielten.

„Heimatkunde“ nannte 1968 (!) Martin Walser seine Sammlung von Aufsätzen und Essays – und der titelgebende Aufsatz begann mit dem Satz: „Wenn es sich um Heimat handelt, wird man leicht bedenkenlos.“ Das ist wohl wahr. Allein das Wort bedenkenlos – nicht auszudenken. Bis heute.

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