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Eine gerade und untadelige Tanne.

Times Mager

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Fontane war bei aller Skepsis und trotz all seiner Verzagtheit doch ein Optimist.

Aller Anfang ist schwer, und das ist wahrhaftig nicht nur so dahingesagt, wenn man nur an den ersten Satz denkt. Dass man den Gedanken gar variieren kann, macht das Problem nicht geringer, im Gegenteil, die Anforderungen steigen, sobald man sich sagt, der Anfang sei „immer das Entscheidende“. So sagt es, wortwörtlich, Fontane, um fortzufahren, dass, habe „man’s darin gut getroffen, so muss der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit gelingen, wie ein richtig behandeltes Tannenreis von selbst zu einer graden und untadeligen Tanne aufwächst.“

Fontane, bei aller Skepsis, trotz all seiner Verzagtheit immer wieder, war dann doch ein Optimist. Als entwickelten sich die Dinge von selbst – und damit sind wir, mitten im Fontane-Jubiläumsjahr, beim Bauhaus-Jubiläumsjahr, angefangen mit einem ersten Satz: „Ich sitze am Schreibtisch und bin müde.“ So beginnt, von der Bundeszentrale für Politische Bildung um einen grundsätzlichen Bauhaus-Aufsatz gebeten, der Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, Friedrich von Borries, seinen Essay in der Zeitschrift „Das Parlament“, um fortzufahren: „Der Tag war lang, die Nacht zuvor haben die Kinder schlecht geschlafen und ich deshalb auch. Nun sind sie wieder im Bett. Endlich Zeit zum Arbeiten. Ganz oben auf meiner To-do-Liste steht dieser Text über das Bauhaus und die Frage, ob Gestaltung Gesellschaft verändern kann – und der Esstisch, der noch nicht gedeckt ist.“ Gedanken – wie von selbst, wie im Schlaf.

Zur Designgeschichte des Bauhaus(es) gehörte auch immer eine stark ausgeprägte Selbststilisierung. Auf der To-do-Liste der Heldinnen und Helden dieser Hochschule für Gestaltung stand von Anfang an die Gestaltung des eigenen Egos, auch wenn das Bauhaus stark aus der Tradition schöpfte und beträchtliche Energien darauf verwendete, diese Spuren zu verwischen, so dass man von einem Selbstdesign sprechen kann. Am Bauhaus hat man sich glänzend darauf verstanden, das eigene Anwesen zu so etwas wie einem achten Weltwunder zu promovieren.

Heute wird, nach dreijähriger Bauzeit das Bauhaus-Museum Weimar eröffnet. In dem Neubau werden auf 2000 Quadratmetern rund 1000 der etwa 13 000 Sammlungsobjekte präsentiert. Sollte darunter auch die Seite aus einem Standardwerk aufgeschlagen worden sein – mit einem den Leser wahrhaftig packenden ersten Satz: „Das Bauhaus hatte einen unglücklichen Start.“? Ein starker Satz, ein strenger Auftakt, denkwürdig. Unvergessen auch, dass die folgenden Sätze dann nicht einfach hinterherdackelten.

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