1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Der Werther

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Historisches Kulturgut.
Historisches Kulturgut. © Boris Roessler/dpa

Die Sorge darüber, dass auf dem Gymnasium immer weniger Goethe gelesen wird, sagt mehr über die Erwachsenen als über die Kinder.

Wer nur rasch via Google eine Frage klären will, trifft sofort all die anderen, die das auch wollten, nur rasch eine Frage via Google klären. Das ist meistens ein etwas peinlicher Moment, weil die Fragen, die Google gestellt werden, nicht die hellsten sind. Müssen sie auch nicht. Im Kontakt zu Google spielt das keine Rolle. Es ist ähnlich, wie mit dem Navi, wenn man ständig falsch abbiegt, entweder weil eine Baustelle im Weg ist oder weil man zu doof ist oder den Navi foppen will aus purer Gemeinheit und Lebensfreude. Oder aus Rache, weil man sich vom Navi gefoppt gefühlt hat. Lächerlich. Der Navi lässt sich nicht provozieren.

Die anderen fragten diesmal: „Was wollte Goethe mit Werther sagen?“ – „Warum hat Goethe Die Leiden des jungen Werther geschrieben“ – „Was ist der Werther für ein Mensch?“ – „Wann küsst Werther Lotte?“ Ein schulischer Zusammenhang ist zu vermuten. Bei der ersten Frage ist das besonders offensichtlich, sie wirkt geradezu parodistisch, trifft aber den Nagel auf dem Kopf. Die zweite Frage lässt offen, ob es sich nicht doch um einen Stoßseufzer handelt. Die dritte Frage hat etwas offenherzig Spontanes. Wer sich selbst nicht abgewöhnen kann, Eigennamen mit Artikel zu nennen, wird sich das sofort ebenfalls. Ja, was für einer ist das denn, dem Goethe sein Werther? Die vierte Frage ist entweder ungezogen oder die Lehrkraft verfolgt einen populistischen Ansatz, um festzustellen, ob die Klasse noch mitliest. Tipp: auf Seite 115 der Hamburger Ausgabe, Band 6, Romane und Novellen I.

Oder ist schon die Vermutung, über- oder unterforderte Gymnasiasten und Gymnasiastinnen hätten Google solche Fragen gestellt, ein Kurzschluss? Weil man denkt, Erwachsene wollten und müssten das gar nicht mehr wissen? Es ist nicht nur so, dass man das Abitur einige Jahrzehnte nach dem Abitur nicht mehr bestehen würde (schon damals war es erstaunlich genug). Es ist auch so, dass sich Erwachsene keineswegs in Scharen mit klassischer Literatur befassen. Einer der Gründe dafür, warum bildungsbürgerliche Panik ausbrach, als auch Bayern den „Faust“ aus den Pflichtlektüren für Gymnasien nahm, liegt bittererweise vermutlich in dem Eindruck: Wenn man den „Faust“ nicht beizeiten liest, liest man ihn nimmermehr.

Der „Faust“ hat das nicht verdient, „Werther“ hat das nicht verdient, und Erwachsene, die sich nicht dafür interessieren, sollten sich schämen. Kinder lesen ohnehin mehr als Erwachsene – und damit ist nicht das Handydisplay gemeint, mit dem Mama und Papa ihr Kleinkind in der U4 traumatisieren, weil sie ständig hinstarren anstatt dem lebenszugewandten Gebrabbel alle Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch interessant

Kommentare