Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Schnee scheint für Land und Leute nicht mehr selbstverständlich
+
Der Schnee scheint für Land und Leute nicht mehr selbstverständlich.

Times mager

Der Schnee

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
    schließen

Erinnerung an ein großes Glück, das man ruhig mehrmals wiederholen darf, wie es auch Wilhelm Raabe tut: Der erste Schnee! Der erste Schnee!

Da, der Schnee, schau nur. Jetzt, wo er geht, jedenfalls vor der Haustür der Schnee, und natürlich nicht jetzt, nicht einmal über Nacht, sondern das bereits seit Tagen macht, dass er allmählich geht, sieht man den Schnee, soeben noch Betriebsgeheimnis von Meteorologen, mit anderen Augen.

Der Schnee scheint für Land und Leute nicht mehr selbstverständlich, offenkundig nicht in unseren Breiten (oder vor der Haustür, 50.1239 Breite, 8.5763 Länge). Wie anders noch zu anderen Zeiten, an einem anderen Ort, als der Schnee nicht ging, sondern kam: der erste Schnee! Der erste Schnee! Der Schnee konnte sich unbedingt sehen lassen. Man hätte zum Schnee ohne weiteres sagen können: Gut siehst du aus, lass dich anschauen! Nicht missmutig wurde dem Schnee entgegengesehen, nicht misstrauisch entgegengetreten. Der Schnee war nichts Außerirdisches (ARD, ZDF, FR, RTL, FAZ, HR, NTV). Der Schnee war etwas Einheimisches:

„Wenn der erste Schnee fällt – - – wie ich in diesem Augenblick wieder einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da – kommt er herunter – wirklich herunter, der erste Schnee! Schnee! Schnee! der erste Schnee! -“ So wird er in Wilhelm Raabes „Chronik der Sperlingsgasse“ begrüßt, im Berlin des Jahres 1854, genauer: am 15. November. Das Datum hat die Raabe-Forschung von Raabe übernommen, ungeprüft hingenommen. Bis der Tag kam, an dem sich ein Raabe-Forscher auf die Aufzeichnungen der Meteorologen berief: Keine einzige Schneeflocke, die an diesem Tag vom Himmel fiel. Eine „bequeme Legende“ hat das dann der ruppige Raabe-Biograf genannt.

Aber, ach, es war aber doch eine schöne Erzählung: „In großen wäßrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlägt er an die Scheiben, grüßend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Fremde nach langer Abwesenheit zurückkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche Veränderung da draußen! Die Leute, die eben noch mürrisch und unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz anders aus. Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme auf alle Weise zu schützen, dem Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu.“

Das Berlin von 1854 war gewiss kein Schneegebiet – aber Anlass, um nicht nur einmal auszurufen: „Der erste Schnee! der erste Schnee!“

Der Erzähler des Raabe-Romans wiederholte es gerne – so dass es der Autor, Wilhelm Raabe, in seinem Roman ebenfalls gerne tat. Im ersten Schnee kristallisierte sich ein Zauber, zeigte sich im Alltag ein Festtag, der sich gerne hätte wiederholen dürfen. Der erste Schnee wurde zum schönen Tag schlechthin. Das ist schon lange her.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare