Das ist nicht irgendeine Maus. Das ist die Maus.
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Das ist nicht irgendeine Maus. Das ist die Maus.

TIMES MAGER

Der, die, das

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Was braucht man für eine gute Geschichte? Handlung, meinen Sie? Ach was: Wörter!

Der, die, das, ein, es: Forscher der Universitäten von Austin und Lancaster haben festgestellt, dass jede Schreiberin ziemlich viele Wörter braucht, die eigentlich unsichtbar sind. Oder sind sie nicht eigentlich nur uneigentlich unsichtbar? Denn sie stehen ja auf der Seite, haben einen Platz im Satz, sind also sichtbar, andererseits hüpft die Aufmerksamkeit ohne Halt drüber. „Ein Haus“: alle starren auf das Haus und ob es ein großes Haus ist oder ein kleines Haus oder ein baufälliges Haus. „Die Maus“: alle, die Angst vor Mäusen haben, denken „Iiiiiiihh“, so dass die Maus sich hoffentlich erschrickt und sofort wieder aus diesem Text und in ein Loch verschwindet. „Es regnet“: im Rhein-Main-Gebiet denkt bei „regnet“ jeder und jede ein „Oh ja, bitte“ dazu.

Leider hat das Times mager, ganz gefesselt von den unsichtbaren Wörtern, die eigentlich sichtbar sind (das, den, die – und was ist mit hat und sind, so richtig kriegt die doch auch keiner mit), die Regeln für eine gute Geschichte zu befolgen vergessen. Denn denen jagten die Wissenschaftler in Wirklichkeit hinterher, der „narrativen Kurve“, der Notwendigkeit, eine Geschichte in einer bestimmten Reihenfolge zu erzählen – was sich vor allem auf die Art der Wörter bezieht.

Zunächst braucht die Schreiberin oder Erzählerin eher das Ein als das Die. Denn die Maus ist ja erst mal eine Maus, irgendeine, ehe man ihr – also, natürlich nur im übertragenen Sinn – nicht die Hand geschüttelt hat. Erst danach weiß man doch, die (!) Maus heißt Pussycat und ist eine (!) Stadtmaus/Landmaus/arme Kirchenmaus. Nachdem dann aber alle an der Geschichte mitwirkenden Mäuse und anderen Lebewesen vorgestellt sind – hier kommen vermehrt Adjektive ins Spiel, man will ja wissen, wie die Maus so aussieht und ob sie, nur ein Beispiel, eine gelbe Hose zum blauen T-Shirt trägt –, muss die Schreiberin sich mit der Action beschäftigen. Verben sind nun vonnöten, in größeren Mengen sollte man sie stapeln, schichten, anordnen, rechtzeitig feudeln, sandstrahlen, polieren, wienern.

Zuletzt, so haben die Forscher ermittelt, geht es ans Denken. Das mag Ihnen jetzt komisch vorkommen, denn sollte nicht vor der guten Geschichte schon gedacht werden? Da ist was dran, aber als Wort wird „denken“ erst gegen Ende einer Erzählung verstärkt eingesetzt, wenn ihre Heldinnen ein Fazit ihres Abenteuers ziehen, überlegen, wie die Chose gelaufen ist. Übrigens wird dann auch das Wörtchen „weil“ plötzlich beliebt, weil es Dinge erklären kann. Bei dieser Glosse freilich steht es am Ende auf verlorenem Posten.

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