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„Bist du ein Werwolf?“

Times mager

Ja. Es sei denn, man hat eine unangenehme Frage gestellt

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Das kleine, feine Wort passt eigentlich immer – es sei denn, es werden sehr unangenehme Fragen gestellt. Die Kolumne „Times mager“.

Wir sind hier zusammengekommen, um ein Wörtchen zu feiern, das winzigste erhältliche Begriffchen, abgesehen von O, dem poetischen Erstaunenslaut, wie er auf das befreundete h verzichtet, was ihn interessant macht, obwohl O doch meist ein Begleitwort benötigt (Gott, jemine oder Ähnliches), wenn nicht gar ein Ausrufezeichen.

Das Ja hingegen kommt ohne alles aus, es steht für sich, hat seinen Platz lautmalerisch in vielen Sprachen mit variablen Bedeutungen (ya, yeah), im Deutschen aber ist es das Positivste, was man sich denken kann. Und sagen. Wer eine Frage stellt, wünscht sich als Antwort dieses wunderbare: Ja. Es sei denn, man hat eh eine unangenehme Frage gestellt („Bist du ein Werwolf?“).

Jetzt die dramatische Wendung: Das Ja ist, wie so vieles auf der Welt, in seinem Bestand bedroht. Man kommt nicht umhin, Gesprächen beizuwohnen, in denen eine der beteiligten Personen fortwährend sagt: definitiv. Besonders im Zusammenhang mit Sportereignissen. Ganz besonders, wenn die Person mit dem Mikrofon permanent geschlossene Fragen stellt („War das heute Ihr emotionalstes Spiel? Sind Sie vor Glück ganz aus dem Häuschen nach Ihren sieben Toren? Soll ich mir bessere Fragen ausdenken? Finden Sie mich doof?“).

Definitiv. Es ist wie eine Epidemie. „Wollen Sie den Kassenbeleg?“ – „Definitiv.“ – „Bricht gleich der Himmel auf, und Zeus, der Herrscher über Menschen und Götter, schleudert ein Bündel Blitze herab, die Welt, wie wir sie kannten, zu verheeren?“ – „Definitiv“ – „Wollen Sie, Kevin Kaschunke, die hier anwesende …“ Was soll man auch sonst antworten, wenn man nicht immer nur Ja sagen möchte?

Niemand muss denken, es sei früher besser gewesen. Eine Zeit lang hieß die gängige bestätigende Antwort: „Noch’n Kaffee?“ – „Absolut.“ In den 80er Jahren pflegte man eingedenk des zweimaligen Grand-Prix-d’Eurovision-de-la-Chanson-Siegers zu antworten: „Logan“, was das bis dahin gebräuchliche „Logo“ ablöste. Dann: klaro. Hundert Pro. Exakt.

Fußballer waren häufig stilbildend. Franz Beckenbauer beantwortete als Teamchef der Nationalmannschaft praktisch jede Frage mit einem einleitenden „Ja, sicherlich …“, selbst wenn jemand von ihm hatte wissen wollen, ob der kommende Gegner, sagen wir: Andorra, übermächtig sei. Viele versuchten, den Kaiser nachzuahmen. Beim Fußvolk wurde daraus das geflügelte „Ja gut, ich sach ma …“.

Immerhin war jeweils das Ja dabei. Denn was ist falsch am Ja? Ist das Ja etwa nicht die beste Antwort auf Fragen wie: „Soll Britannien bei uns bleiben?“ Oder: „Kann der Typ mit der Tolle weg?“ Genau.

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