1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Denken

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Hesse

Kommentare

Streiten auf Twitter.
Streiten auf Twitter. © Martti Kainulainen/dpa

Womit vertreiben sich Philosophinnen und Philosophen die Zeit, wenn sie schon nichts zum aktuellen Weltgeschehen beitragen? - Mit bissigen Streitereien auf Twitter, was sonst.

Es sind schwere Zeiten, nicht zuletzt für unsere Philosophen und Philosophinnen. Schließlich ist ihnen in solchen Krisenphasen nur allzu bewusst, mit ihrem Urteil um einiges zu spät zu kommen. Die Gegenwart scheint einfach zu schnelllebig für ihre Reflexion zu sein. Diesen, ja man möchte fast sagen, Fluch der Philosophie hatte einst Friedrich Georg Wilhelm Hegel (1772-1832) in der Vorrede seiner „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ von 1821 mit Druckertinte für alle Ewigkeiten festgehalten: „Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“, heißt es da. Da man nun scheinbar wenig zu aktuellen Fragen beitragen kann, überbrücken einige der Denker und Denkerinnen mit einer liebgewonnenen Tätigkeit die Zeit bis zur Dämmerung: der Beschäftigung mit der eigenen Zunft.

Hierfür bot sich kürzlich eine passende Gelegenheit: der in Berlin stattgefundene Kongress der Gesellschaft für Analytische Philosophie, kurz GAP. Dessen Rahmenthema lautete: Philosophie und Öffentlichkeit. Das Thema empfanden einige als einen Witz.

„Haha!“, hallte es sogleich in den Kanälen von Twitter und Co. Ausgerechnet die analytische Philosophie sucht mit ihren spröden Gedankenwerkzeugen den Weg auf den Marktplatz.

So schrieb Wolfram Eilenberger, Verfasser des Welterfolgs „Zeit der Zauberer“, auf Facebook: „Just an dem Tag, da Jürgen Habermas einen neuen Essay zum ,Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ veröffentlichte, hielt die GAP einen Kongress zum Thema ,Philosophie und Öffentlichkeit‘ ab (an dem besagte Öffentlichkeit freilich keinerlei Interesse finden wollte)“.

Und der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, zuletzt mit dem Buch „Krise des Absoluten“ aufgefallen, griff bei der Gelegenheit auf Twitter die analytische Philosophie sogleich frontal an: „Formale Darstellungen, die Präzision vermitteln sollen, aber logisch völlig unbedarft sind. Primitive Ontologien. Ahnungslosigkeit bezüglich der Tradition. Inszenierte Skepsis, während man hemdsärmelig mit Voraussetzungen umgeht.“

Mittlerweile haben Denker und Denkerinnen der analytischen Philosophie hierzulande zahlreiche Lehrstühle erobert, was im Kampf um Jobs nicht allen gefällt. Dass sie wenig mit der Öffentlichkeit und diese umgekehrt mit ihnen anfangen können, ist ein hartnäckiges, aber wenig unterfüttertes Gerücht. Es waren vor allem analytische Philosophen, als 2015 zahlreiche Menschen nach Deutschland migriert waren, die mit Gedanken zur Frage aufwarteten, welche und wie viele Flüchtlinge man aufnehmen solle. Die Kritiker der analytischen Philosophie schwiegen beharrlich obwohl man sich auch von ihnen hier ein Wort erhofft hatte.

Auch interessant

Kommentare