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Kein Zweifel: Diese Mitarbeiterin würde perfekt zur Rundschau-Redaktion passen.
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Kein Zweifel: Diese Mitarbeiterin würde perfekt zur Rundschau-Redaktion passen.

Times mager

Definiert

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Warum denkt die Anruferin, in der FR-Redaktion werde selbstverständlich Müsli gekaut? Weil wir alle erstaunlich präzise Vorstellungen von der Welt im Kopf gespeichert haben.

Das Gespräch verlief im Großen und Ganzen sehr angenehm, aber in einer Hinsicht doch leise irritierend. Unsereins nahm in vollendeter Unhöflichkeit kauend den Hörer ab. Den Hinweis, man befinde sich derzeit in der Redaktion der Frankfurter Rundschau, beantwortete die Dame am anderen Ende wie aus der Pistole geschossen: „Dann will ich Sie nicht beim Müsli stören.“

Es ist schwer zu beurteilen, ob die Vorstellung, in der Redaktion der Frankfurter Rundschau werde, wenn überhaupt, ausschließlich Müsli gegessen, nun dem Markenkern dieser Zeitung entspricht, was angesichts der hier verfügbaren Keksvielfalt bezweifelt werden muss. Die Wahrheit allerdings entsteht bekanntlich im Kopf des Beobachters bzw. der Anruferin, und sie entsteht aus Zuschreibungen, die dort (im Kopf) längst gespeichert waren. FR-Redaktion plus Kauen gleich Müsli, was soll man dagegen schon machen?

Das ist nun genau die Frage. Da geht es ja den Menschen wie den Leuten und den Leuten wie den Zeitungen: Wir sind ständig unterwegs, um die Bilder in den Köpfen der anderen zu formen. Mehr denn je kämpfen wir heute darum, uns zu „definieren“. Auf Facebook oder Instagram oder wie diese angeblich „sozialen“ Internet-Dinger alle heißen, teilen wir der Welt mit, als wer wir gesehen werden wollen, und am Image finden ununterbrochen Schönheitsoperationen statt.

„Rekonstruktive Pflege für reife Haut“

Wer jetzt glaubt, das Ganze sei ein trauriges Privileg der Jugend, hat sich geschnitten, wovon man bekanntlich auch nicht schöner wird. Erst jüngst erschreckte uns eine Drogistin, indem sie skrupellos auf unser biblisches Alter anspielte, und zwar ohne Worte. Sie überreichte uns eine Probe von etwas, das im Haupttitel „Densifying care“ hieß und im Untertitel „Rekonstruktive Pflege für reife Haut“.

Unter Verzicht auf die Gleitsichtbrille und aus einer Entfernung von zwei Zentimetern lasen wir bloßen Auges auf der Rückseite Satzfetzen wie „Wangenpartie wie re-modelliert“.

Eigentlich genug gestraft durch diesen Hinweis (die Wangenpartie war aus unserer Sicht bisher noch keine Problemzone gewesen), nahmen wir auch das letzte Versprechen zur Kenntnis: „Definierte Gesichtszüge“. Bisher waren wir sicher gewesen, von unserem engeren und sogar weiteren Bekanntenkreis ohne Umstände am Gesicht erkannt zu werden. War das alles ein Irrtum? Oder droht gar, ist das Gesicht erst einmal „definiert“, totale Einsamkeit, da alle Welt nur unsere undefinierte Visage kennt?

Wir riefen die nette Dame mit dem Müsli noch mal an und kauten ihr einen Sahnetrüffel vor. Aber sie hörte nicht zu.

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