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Times Mager

Davonfliegen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Vielleicht gelten die Fragen, die ich stelle, nichts in jener Welt, in der meine Mutter jetzt die meiste Zeit verbringt. Von Arno Widmann

Heute Morgen war ich dort", sagt meine Mutter und zeigt auf die dürre Rasenfläche zwischen der Terrasse ihres Zimmers und dem Haus gegenüber. "Da ist eine Grube. Mit einem Herd. An den habe ich mich gesetzt," erklärt sie mit aufgerissenen blauen Augen. Ein paar Minuten später ist aus diesem Herd ein Ofen geworden. "Ich bin aber nicht rein", fügt sie hinzu. Da war sie also schon zu Lebzeiten zu einer der Herdgöttinnen geworden und hatte doch gleichzeitig sich dem Verbrennen, das sie sich ja nach ihrem Tode wünscht, entzogen.

Sie ist 88 Jahre alt, liegt in einem Pflegeheim. Wir müssen Mundschutz, Plastikhandschuhe und einen Plastikmantel anziehen, wenn wir zu ihr gehen. Sie ist bester Laune, freut sich ihren Sohn, ihren Enkel, ihren Bruder, die Schwägerin, ihren Neffen zu sehen. Letzteren hält sie manchmal für meinen Bruder. Wenn ich ihr sage, dass ich mich freue, sie so heiter zu sehen, schließlich sei es ihr schon viel schlechter gegangen, sie sei wohl dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen, dann sieht sie mich ungläubig an. Sie kann sich nicht an das Krankenhaus erinnern, nicht an die gebrochenen Hände. Nein, ans Sterben denke sie nicht.

Aber dann erzählt sie, Onkel Paul sei gestern im Nebenzimmer gestorben - er ist seit mehr als sechzig Jahren tot. Ein Kollege von mir, versichert sie, habe in einem anderen Nebenzimmer gelegen. Er habe sich in ein winziges Flugzeug gesetzt und sei durch das Fenster davongeflogen. Zuerst denke ich, es ging darum, dass einem die Flucht aus dem Heim gelungen sei. Aber dann dämmert es mir, es geht wieder um den Tod. Es ist die Seele, die sich davon macht "als flöge sie nach Haus".

Als ich mich verabschieden möchte, flüstert sie: "Meine Mutter hat sich gemeldet. Weiß der Teufel, wo sie sich all die Jahre über versteckt hielt. Sie hat es nicht verraten." "Was hat sie denn gewollt?" Meine Mutter sieht mich verblüfft an. Sie weiß es nicht. Das fällt ihr erst durch meine Frage auf. Davor war die Gegenwart ihrer Mutter, die vor einem halben Jahrhundert starb, so übermächtig, dass sich jedes Nachfragen verbot. Vielleicht aber gelten die Fragen, die ich stelle, nichts in jener Welt, in der meine Mutter jetzt die meiste Zeit verbringt.

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