Times mager

Dass

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ein großer Dass-Satz, an einem öffentlichen Ort gelassen ausgesprochen. Und seine Folgen.

Wagemutig äußerte sich der junge Pendler gegenüber seiner Begleitung folgendermaßen: Wenn vor dem „das“ ein Komma stehe, werde es zu 99 Prozent mit doppeltem S geschrieben. Das Gefühl, das also wenigstens weitgehend richtig zu machen, gebe ihm große Sicherheit im Job.

Und glauben Sie mir, das ist jetzt nicht übertrieben. Man konnte sehen, dass sich die Hälse der Mitpendler reckten, um freie Sicht auf den Unglückswurm zu bekommen. Während er so redete, war ihm ja nicht bewusst, dass er in Wahrheit bei einer Treffsicherheit von 2 zu 3 dümpelte.

Denn selbst der König der Flüchtigkeitsfehler weiß, dass das nicht stimmt und einen Abgrund eröffnet, was den leichtfertigen Umgang mit Rechtschreibung, aber auch Grammatik betrifft. Dies heißt, wie gesagt, nicht, dass man es nicht dennoch falsch machen würde. Der Neid auf Menschen, deren Fehler nicht am nächsten Tag in der Zeitung stehen, ist weiterhin unheimlich groß.

Älteren Leserinnen und Lesern könnte ferner aufgefallen sein, dass der forsche Reisende das Doppel-S in „dass“ nicht versehentlich doch wieder als ß bezeichnete. Hier liegt er goldrichtig. Das ß, das entgegen der Annahme von Leser L. aus Frankfurt seinerzeit nicht abgeschafft wurde, hat bloß an dieser Stelle nichts mehr verloren. Leser L. war der Fall eines übermäßig zornigen Menschen, der sich von seiner Wut zum Äußersten hinreißen ließ. Die verheißungsvolle Wendung „Buchstabenmord“ (fast wie Buchstabensuppe, nur ganz schlimm) war über einige Jahre der Grund dafür, den Brief von Schreibtisch zu Schreibtisch mitzuschleppen. Dabei sind das natürlich Bagatellen.

Fortgeschrittene Leserinnen und Leser zünden heute darum lieber eine Kerze für Jakob van Hoddis an, dessen Gedicht „Weltende“ vor genau 105 Jahren in der Zeitschrift „Der Demokrat“ erstmals abgedruckt worden ist. Wie immer um diese Jahreszeit trifft es noch mehr zu als ohnehin schon. Es ist nicht angenehm auf der Welt. Im Pendlerzug aber, anders als in der Hoddis-Prognose, immerhin friedlich. Keiner lachte, keiner rief Naseweises dazwischen. Mag sein, dass es den Leuten nicht so wichtig war. Mag sein, dass sie den armen Mann vor seiner Begleiterin nicht so blamieren wollten, dass sich die Beziehung davon nicht erholt hätte. Mag sein, dass alle darüber nachdachten, dass Selbstsicherheit im Job ein zu hohes Gut ist, um letztlich bloß relativen Wahrheiten zum Opfer zu fallen. Mag sein, dass der eine oder andere dachte, sieh an, das muss ich mir merken. Und gleich schnellte ja auch die Trefferquote nach oben.

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