Gutaussehend und prinzipientreu, so kennen wir unseren Colin Firth, äh, Mr. Darcy, natürlich. Hier hängt er portraitiert an der Wand des Jane-Austen-Zentrums in Bath, Südengland.
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Gutaussehend und prinzipientreu, so kennen wir unseren Colin Firth, äh, Mr. Darcy, natürlich. Hier hängt er portraitiert an der Wand des Jane-Austen-Zentrums in Bath, Südengland.

Times mager

Mr Darcy

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Seine Langweiligkeit Lord Boringdon, Graf von Morley soll der wahre Colin Firth, äh, Mr Darcy gewesen sein. Die Jane-Austen-Gesellschaft bleibt skeptisch, vor allem, weil besagter Lord in einen veritablen Sex-Skandal verwickelt war.

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Die alte Dame brachte immer gern die Anekdote an, wie sie einst in M. in einem recht berühmten Kaffeehaus einkehrte und eine ganz unscheinbare junge Frau am Nebentisch saß. Und wie sie erst nach einer Weile erkannte, dass das Sissi sein musste, keine andere als Sissi. Also, Romy Schneider natürlich, in Zivil und ungeschminkt sozusagen. Sie war so klein, sagte die alte Dame am Ende ihres Berichts immer und hob die Stimme, und sie war auch wirklich so unscheinbar.

Die Briten – und nicht nur sie und nicht nur die dortige Jane-Austen-Gesellschaft – interessieren sich im Moment für einen Mann mit blonden Locken, leicht spitzer Nase, kleinem Mund, glänzenden Bäckchen, Koteletten, Anflug von Doppelkinn (so sein gemaltes Abbild). Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, es stellt sich bei der Betrachterin der Verdacht ein, der Titel eines Lord Boringdon könne zum Abgebildeten gepasst haben, insofern nämlich „boring“ übersetzt „langweilig“ bedeutet.

Seine Langweiligkeit?

Nun soll aber Lord Boringdon, Graf von Morley, der wahre Colin Firth, äh, Mr Darcy gewesen sein. Oder unseretwegen auch der echte Laurence Olivier beziehungsweise Matthew Macfadyen. Das meldet unter anderen das britische Blatt „Good Housekeeping“ – dann muss es ja stimmen. Ein stattlicher, leidenschaftlicher Mann soll der Lord gewesen sein, will die Historikerin Susan C. Law herausgefunden haben; was anhand eines etwas faden Brustbildes schwer zu beurteilen ist. Jane Austen, so behauptet Law zudem, sei von Lord Boringdon so beeindruckt gewesen, dass sie ihren Mr Fitzwilliam Darcy in „Stolz und Vorurteil“ nach dieser leibhaftigen Vorlage formte.

Na ja, antwortet die Jane-Austen-Gesellschaft skeptisch, man wisse zum Beispiel gar nicht, ob Jane Austen die zweite Frau des Grafen tatsächlich kannte. Und über diese auch den Grafen selbst.

Vor allem aber, so erzählt es ja auch Susan Law, war Lord Boringdon in einen veritablen „Sex-Skandal“ verwickelt: Er betrog seine junge Frau mit einer verheirateten Geliebten, die er weit lieber geheiratet hätte (woher kommt uns das nur bekannt vor?). Seine Frau brannte daraufhin mit einem anderen durch. Lord Boringdon verklagte den anderen und holte 10 000 Pfund heraus – nannte man es damals Schadenersatz oder Schmerzensgeld? Nach heutigem Wert wäre es jedenfalls mehr als eine halbe Million Euro. Damit ließ sich nach der Scheidung umgehend und wunderbar neu heiraten.

Der Mr Darcy, den wir seit Jahr und Tag als so gutaussehend wie prinzipientreu kennen, hätte so etwas niemals getan.

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