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Gut, dass wir uns einig sind. Nicht wahr?

Times mager

Cruxe

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Einen Text drei oder fünf Tage vor Erscheinen zu schreiben: Nur eine Crux von vielen beim Verfassen einer Urlaubskolumne.

Stellen Sie sich doch bitte einmal vor, Sie müssten einen Zeitungstext von ungefähr 80 Zeilen schreiben, bisschen mehr, so um die 82 oder 83 Zeilen. Der dürfte ruhig ein wenig Tiefgang haben, der Text, gern auch eine Prise Humor. Aber Ihnen fällt nichts ein. Was machen Sie?

Sehr gute Idee. Sie rennen ins andere Zimmer und zählen nach, wie viele Zeilen es noch mal genau sind, die Sie schreiben müssen. Dummerweise liegen im anderen Zimmer zwar drei Vergleichsobjekte bereit, freilich allesamt mit schlechten Beispielen. Beziehungsweise natürlich mit hervorragenden Beispielen, glänzenden und preiswürdigen Texten, aber längenmäßig nicht von vorbildhafter Natur, weil an Tagen publiziert, da nicht die Originallänge gefragt war, sondern jeweils verschiedene Ausnahmelängen.

Beim Aufenthalt im anderen Zimmer fällt Ihnen aber ein Zeitungsteil in die Hände, der auf keinen Fall einfach im Zeitungsstapel liegenbleiben darf, sondern stets einen Ehrenplatz einnehmen darf, bis ein bestimmtes Ereignis vorüber ist, sagen wir: ein Fußballspiel, das sonst verloren ginge. Was für ein Glück, dass Ihnen nichts zu schreiben eingefallen ist, sonst hätten Sie am Ende nicht mehr daran gedacht, diesen Zeitungsteil herauszuwühlen, und Ihr Verein hätte auf die Mütze gekriegt.

Oder auch nicht, weil der Beweis, dass herausgewühlte Zeitungsteile in der Lage sind, Fußballspiele zu entscheiden, noch nicht endgültig erbracht ist. Solange aber auch nicht der Gegenbeweis vorliegt, dass nämlich herausgewühlte Zeitungsteile keinerlei Einfluss auf Fußballresultate haben, so lange wären Sie ja verrückt, nicht alles zu geben für Ihren Verein, inkl. herausgewühltem Zeitungsteil.

Wo waren Sie? Keinen Buchstaben weiter waren Sie. Was obendrein auf Ihnen lastet: Eine der vielen Cruxe beim Verfassen eines Textes, der vermutlich erst in drei oder fünf Tagen erscheint, ist ja, dass in der Zwischenzeit andere Leute Texte verfassen, die an der gleichen Stelle in der Zeitung erscheinen. Wenn diesen Leuten jetzt ebenfalls nichts Besseres einfällt als darüber zu schreiben, dass ihnen nichts einfällt, was dann? Wenn am Tag, bevor Ihr Text dran ist, ein genialer Text darüber erscheint, dass jemandem nichts eingefallen ist – dann müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Und diesmal wäre es noch nicht einmal möglich, sich einfallen zu lassen, dass Ihnen nichts eingefallen ist.

Das sind Probleme. Aber wenigstens müssen Sie nicht thematisieren, dass Cruxe ein unzulässiger Plural ist. Ihre Leser sind sophisticated genug zu wissen, dass man sich gerade stillschweigend auf dieses kleine Sprachverbrechen geeinigt hat. Zwinker.

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