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Es gibt eine Art soziale Übereinkunft darüber, dass es liebe und böse Clowns gibt. Der Joker (hier verkörpert durch Heath Ledger in "The Dark Knight") gehört zu letzteren.

Times mager

Clowns

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Der Frankfurter Poetikdozent Daniel Kehlmann hat nicht vergessen, dass Kinder zu Recht Angst vor Clowns haben.

Zur Überprüfung müsste man sich aus rein beruflichen Gründen zwar sofort in eine Zirkusvorstellung begeben, und am besten in mehrere. Tatsächlich aber traf Daniel Kehlmann am Dienstagabend bei seiner vierten und vorletzten Frankfurter Poetikvorlesung gewiss den Punkt, als er nebenbei erklärte, dass Kinder sich vor Clowns fürchten, während Erwachsene sie zum Zuschauen zwingen, weil Clowns doch so lustig sind.

Erwachsene respektieren die Angst vor Raubtieren (können einen Menschen essen), vor überdurchschnittlich großen Pflanzenfressern (können einen Menschen übersehen oder für eine Mohrrübe halten), vor Zauberern (können einen Menschen wegzaubern), und angesichts von Hochseilartisten bekommen sie selbst die größten Kreischanfälle.

Vergessene Angst

Die Angst vor Clowns hingegen haben Erwachsene weitgehend vergessen. Durch Stephen King (einen von Kehlmann offenbar aufmerksam gelesenen Autor) oder einen der einschlägigen Batman-Feinde kehrt sie zurück. Aber diese Clowns sind gar nicht lustig, sagen da die Erwachsenen und halten ihren Kindern die Augen zu. Es gibt eine Art soziale Übereinkunft darüber, dass es liebe und böse Clowns gibt und Erwachsene erkennen, wer wer ist. Liebe Clowns besudeln sich und andere mit Torten, rennen sich und andere über den Haufen und grabschen Kindern an die Backe. Sie machen Lärm und niemand kann ein Wort von dem verstehen, was sie sagen. Diese soziale Übereinkunft ist unbegreiflich.

Der Frankfurter Poetikdozent Kehlmann kam auf Clowns, weil er in der vierten Stunde unter dem Titel „Teutsche Sorgen“ über Grimmelshausens „Simplicissimus“ sprach und die unwahrscheinlich vielen Verwandlungen, die dieser im Laufe seiner Geschichte durchlebt. Zur Bestrafung durch seinen saublöd witzigen Vorgesetzten wird er als Tier verkleidet und daraufhin wirklich zum Tier, zum Halbmenschen, zum Dämon. Ulkige Szenen sind das, aber auch gefährliche, wenn man in der Weise darüber nachdenkt, wie vernünftige Kinder darüber nachdenken.

Nachher wird Simpel zum gebildeten Mann, prächtigen Liebhaber, fitten Jäger von Soest (charmant, dass Kehlmann als Süddeutschem die längende Funktion einiger nördlicher e’s nicht geläufig ist) und viel später noch zum Robinson-Prospero. So dass er eigentlich alles ist außer einer bestimmten Person, lehrte Kehlmann, und am allerwenigsten der „unmittelbar aus dem Volk gegriffene, poetische, treue Gesell“, den Kollege Eichendorff in ihm sah. Beruhigend, wie auch Schriftsteller irren können, sobald sie sich in Leser verwandeln.

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