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Hegels Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.
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Hegels Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.

Times mager

Choleratod

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Bei der Beerdigung von Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1831 in Berlin mangelte es eindeutig an Abstand.

Als Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 14. November 1831 in Berlin starb, ging es unmittelbar darum, den berühmten Philosophen nicht etwa zu beerdigen. Vielmehr schien unbedingt Eile geboten, den Leichnam zu verscharren an einem trostlosen Ort, denn in der Stadt wütete die Cholera. Auch wurde in der Hegel-Biographik überliefert, der alte Mann, Anfang 60, habe ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende gefunden“ – so weit eine These, zu der angesichts der katastrophalen Lage in Berlin aber die Antithese aufgestellt wurde, die Diagnose: „Cholera in ihrer concentriertesten Form“.

Da es nun so auf dem Totenschein stand, und die Seuchenkommission folgerichtig die gewissenhafte Desinfizierung der Wohnung im Kupfergraben Nr. 4a anordnete, ist die Beerdigung des berühmten Mannes, zu der es dann doch kam, ein Kapitel für sich, zumal in diesen Tagen. Denn anstatt den Toten kompromisslos abzutransportieren und mitleidslos in eine Grube zu kippen, erlebte Berlin am übernächsten Tag, dem 16. November, ein pompöses Begräbnis auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Die Beisetzung entwickelte sich zu einem Massenereignis, weil sich Berliner zu Hunderten dem Trauerzug anschlossen, nachdem im großen Hörsaal der Universität sich Professoren und Studenten aller Fakultäten zu einer Trauerstunde eingefunden hatten, in deren Verlauf der Trauerredner den Verstorbenen, den Freund, den Religionsphilosophen zu einem Wesen nicht von dieser Welt machte, „unserem Erlöser ähnlich“.

Wenig Abstand bei dieser Veranstaltung in einem geschlossenen Raum, ebenso wenig dann unter freiem Himmel, wo Hegel durch die Grabrede ein zweites Mal in den Rang eines Messias erhoben wurde. Es wäre dazu nicht gekommen, wenn nicht ein dritter Freund des Philosophen seinen Einfluss als preußischer Beamter im Kultusministerium geltend gemacht hätte, gar der preußische Polizeipräsident schaltete sich ein, so dass es zur Beerdigung kam, zu einer Ehrerbietung in Zeiten der Cholera, ohne dass irgendein Mensch im Jahr 1831 auch nur hätte sagen können, was das für Folgen haben könnte, denn der Choleraerreger war noch nicht entdeckt. Eine Hochrisikobeerdigung inmitten von tausendfachem Tod.

Die Hegelbücher zum 250. Geburtstag am 27. August sind geschrieben. Diejenigen, die noch nicht abgeschlossen worden sind, werden über den Choleraepilog zu Hegels Leben anders zu spekulieren wissen. Denn, Synthese jetzt, Spekulation ist sowohl vornehme als auch verdammte Pflicht der Vernunft. Einer Vernunft, die, so wissen Hegelleser, weit mehr umfasst als den bloß gesunden Menschenverstand.

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