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Leer wie die Wüste Gobi: Restaurant in Berlin.

Times mager

Chinesen

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Noch vor nicht mal zwei Monaten galt es als Volte der Zeitgeschichte, dass Asiaten wegen einer Infektionswelle wichtige Termine in Europa verpassten.

Anfang Februar waren wir beim Chinesen. Nicht, was Sie jetzt denken. Oder denken Sie das gar nicht? Vermutlich denken Sie das eh nicht. Beim Chinesen gewesen sein, das bedeutet schließlich seit Menschengedenken: in seinem Restaurant gewesen sein. Im Restaurant des Chinesen. Nicht in seinem Land.

Es ist auch immer „der Chinese“. Nie hat man jemanden sagen hören, sie sei bei der Chinesin gewesen, und wenn doch, dann war es diesmal nicht das chinesische Restaurant. Dann war jemand bei einer Chinesin zu Hause. Früher konnte man bei der Koreanerin gewesen sein. Da hieß das Restaurant aber auch: Mama Kim.

Wir hingegen waren beim Chinesen essen, die ganze Corona. Pardon. Das sagte man auch so, vorher. Es war nicht ganz einfach mit dem Essengehen, denn das Restaurant, ein riesengroßer Mampftempel in einer kleinen Stadt vor den Toren der großen Stadt, war gerade umgebaut worden. Die Wiedereröffnung verzögerte sich. Der Geschäftsführer musste unsere Reservierung um eine Woche verschieben, denn seine Mitarbeiter waren in China aufgehalten worden.

Ein Kuriosum? Noch vor nicht einmal zwei Monaten galt es als zu belächelnde Volte der Zeitgeschichte, dass Asiaten wichtige Termine in Europa verpassten, weil sie wegen einer – doch sicher regional begrenzten – Infektionswelle das Land nicht verlassen durften. Eine große Ausstellung musste in Abwesenheit vieler Künstlerinnen eröffnen, weil sie gerade in China weilten. Eine Ausstellung, man glaubt es nicht, über: Krisen, und wie man sie sichtbar macht.

Noch sichtbarer als jetzt ist selten eine Krise gewesen. Und doch ist sie so unsichtbar wie jedes Virus, bis man sich ihm nähert, bis man es unters Mikroskop legt und ganz genau untersucht.

Heute unterm Vergrößerungsglas betrachtet, ist es verrückt, in ein Restaurant zu gehen, Chinese hin, Chinese her. Damals war es das nicht. Verrückt war es, Menschen im Februar allein wegen ihres asiatischen Aussehens für ansteckende Gefahren zu halten, und zwar aus heutiger genau wie aus damaliger Sicht. Die menschliche Vernunft, manchmal setzt sie sich erst langsam durch. Manchmal gar nicht.

Als der Chinese mit acht Tagen Verspätung sein Restaurant öffnete, war es darin leer wie in der Wüste Gobi. Die Selbstbedienungsbüfetts bizarr überbordend, die Tische still. Ein bisschen gruselig war es, darf man das schreiben? Jetzt sind wir fünf Wochen weiter. Jetzt sind alle Restaurants geschlossen. Auch der Chinese. Eigentlich ist er ein Mongole.

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