Leroy Sane kommt mit Adiletten zu einem Interview vor dem Abschlusstraining ins Stadion.
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Stellen Sie sich vor, Sie wären Fußball-Nationalspieler. Sie stünden kurz vor der Aufgabe, der Fußball-Weltmacht Schweiz ein Unentschieden abzuringen. Wie möchten Sie anreisen?

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Charter

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Stuttgart - Basel: Um die Strecke zu bewältigen, demonstriert die Fußballnationalmannschaft, in welcher abgehobenen Welt sie lebt.

Atmen Sie bitte entspannt in Ihre Körpermitte, spüren Sie die Schwingungen Ihres Herzens und antworten Sie dann ehrlich auf diese Frage: Stellen Sie sich vor, Sie wären Fußball-Nationalspieler. Sie stünden kurz vor der Aufgabe, der Fußball-Weltmacht Schweiz ein Unentschieden abzuringen, zur Freude und zum Vorbild für das ganze „deutsche Vaterland“, von dem Sie vorher auch noch singen müssten. Hätten Sie Lust, zu diesem Ereignis mit der Eisenbahn zu fahren? Oder sogar mit dem Bus?

Jetzt regt sich die halbe Welt darüber auf, dass „unsere“ Nationalmannschaft am vergangenen Wochenende von Stuttgart nach Basel geflogen ist, obwohl es auf der Straße nur gut 260 Kilometer gewesen wären. Klimaschädlich und so. Aber das ist schon ziemlich ungerecht, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Wissen Sie denn, ob es in den Bussen, die im hauptsponsernden Autokonzern hergestellt werden, gemütlich genug ist, um geschlagene drei Stunden lang darin „Fifa 20“ zu spielen? Ist Ihnen klar, dass in modernen Bussen ein großer Teil der Passagiere mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt, ganz anders als im Flugzeug? Was, wenn es einem Stoßstürmer plötzlich schlecht geworden wäre?

Zweitens, und noch viel wichtiger: Machen Sie nicht auf Sozialneid, sondern chartern Sie halt selbst. Gerade rechtzeitig vor der Länderspielreise unserer Nationalmannschaft traf in der Redaktion eine Nachricht ein, die die wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang beantwortete, vom Preis einmal abgesehen.

Die Firma „Air Charter Service“ legte darin dar, dass das Chartern eines Flugzeuges ausschließlich mit Vorteilen verbunden ist: „Privatjets bieten in Hinblick auf Social Distancing das hygienischste Flugerlebnis“, erfahren wir, denn die Expertinnen und Experten des Unternehmens haben akribisch ausgerechnet, dass Sie bei Ihrem Urlaubsflug per Charter (inklusive Anfahrt, Weg zum Gate und so) insgesamt acht Personen begegnen, bei einem Linienflug aber „136 bis 1045“. Von Bahnhöfen, wäre hinzuzufügen, ganz zu schweigen.

Das ist auf jeden Fall besser als Bus, dessen Nachteile hatten wir ja schon geklärt. Bliebe natürlich noch Individualverkehr im „digitalsten Golf der Welt“, für den der Hauptsponsor im Stadion warb und der schon deshalb der digitalste Golf der Welt ist, weil es sonst weltweit keinen Golf gibt, der männlich ist und fährt.

Aber ob dieses Fahrzeug für Stoßstürmer wirklich die bessere Alternative darstellt, darf bezweifelt werden: „Beim Hin- und Herwischen zwischen den Ansichten des Homescreens hängt man oft fest“, schreibt ein Autokritiker. Keine gute Vorbereitung, schon gar nicht auf die bärenstarke Abwehr der Schweiz.

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