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Wer hier weiß, wo er welches Buch abgelegt hat, darf zurecht stolz auf sich sein.

Times mager

Chaos

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Die Vorstellung, sich im eigenen Chaos glänzend zurechtzufinden, gehört zu den großen Menschheitsträumen jenseits von Weltfrieden und ewigem Leben.

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Wilhelm Genazino beschreibt in seinem neuen Roman „Außer uns spricht niemand über uns“, wie ein Mann, der selten aufräumt, akkurat jedes unterm Regal oder Bett liegende Buch auf Nachfrage korrekt zuordnen kann. Er kennt sich aus in seiner Schlamperei. Seine Freundin, die es schon satt hatte, ist beeindruckt und bleibt vorerst bei ihm. Genazino bietet hier in aller Kürze eine der kuriosesten aller möglichen Männerfantasien, muss man doch weit unten angekommen sein, um einer Frau nicht mehr zu bieten zu haben. Und eine Frau, klar, ist arm dran, wenn ihr das imponiert. Trotzdem freut man sich in diesem Moment rechtschaffen für beide und gönnt dem Mann den Triumph.

Denn andererseits gehört die Vorstellung, sich im eigenen Chaos glänzend zurechtzufinden, zu den großen Menschheitsträumen jenseits von Weltfrieden und ewigem Leben. Darauf basiert etwa die scharfe Kritik an einer Reinigungskraft, die kürzlich aus den Papierteichen auf den Schreibtischen jeweils mehrere Papiersäulen geformt hatte. Das war jetzt nicht direkt eine gottgleiche Trennung von freiflottierenden Elementen und festem Land (Tischplatte), aber so ungefähr sah es dann trotzdem aus. Dass bei dieser Gelegenheit im vorliegenden Fall und auf den zweiten Blick wichtige, verloren geglaubte Unterlagen nach oben geschwemmt worden waren, ging in der allgemeinen Empörung unter. Das muss man jetzt nicht zu hoch hängen, aber wäre Gott nach den Menschen gekommen und hätte versucht, die Erde in Ordnung zu bringen, wäre er total angemeckert worden.

Der Umgang mit großen Mengen Papier wird dadurch zusätzlich erschwert, dass Papiere einander ähnlich sehen und Buchumschläge vom Gehirn auffällig häufig falsch memoriert werden. Langanhaltende Schlamperei macht die Welt um einen herum darum paradoxerweise wieder klein und überschaubar. Man erkennt ja nur mehr bestimmte Gegenstände wieder und wird sie flugs aus dem Meer der diffusen Dinge herausfischen. Der Rest stört bloß, weil er über die Tastatur schlappt und es schwer macht, eine halbwegs stabile Fläche für die Kaffeetasse zu finden.

Wenn man diese Zeile so hinschreibt, wird man allerdings sehr nachdenklich, was die persönliche Lebenssituation betrifft. Auch keimt der Wunsch, die betreffende Reinigungskraft würde die Kritik an ihren unbotmäßigen Sortierungen einfach ignorieren. Im Büro kann man so etwas natürlich nicht laut sagen. Da statistisch gesehen sehr viele Texte nicht vollständig zu Ende gelesen werden, ist das hier vielleicht die richtige Stelle dafür.

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