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Der Jazz-Trompeter Carlo Bohländer hat Deutschland gerettet.

Times mager

Carlo Bohländer: Keep swingin’

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Carlo Bohländer wäre am heutigen Montag hundert Jahre alt geworden!

So leicht ist es, sich im Einst zu verlieren. Die Damen und Herren mit Stil gekleidet, Anzüge auf den Straßen, alles in Schwarzweiß, und das Magazin, das den besten Trompeter des Landes ausschellt, das heißt „Gondel“.

Heißt es nicht. Es heißt „Jazz-Echo“ und liegt der „Gondel“ bei, die ansonsten verblüffend spärlich bekleidete Damen zeigt, für jene Zeit. Deutschlands Top-Trompeter aber heißt 1954: Carlo Bohländer. Dem Anruf eines tüchtigen Lesers haben wir es zu verdanken, dass heute etwas über ihn hier in der Zeitung steht.

Carlo Bohländer hat Deutschland gerettet. Ein bisschen. Aber ein ordentliches bisschen. Ihm erlaubten die Amerikaner im Mai 1945, Jazz zu spielen. Mai 1945! Da war per se noch jeder Deutsche ein Nazi außer denen, die für etwas Heikles gebraucht wurden, Raketenbau, dies, das.

Jean Karl Bohländer jedoch, so viel Zeit muss sein, reichte ein derart umfangreiches Repertoire ein, so viele Jazztitel, dass sie unmöglich nach Kriegsende flugs eingeübt sein konnten. Die Amerikaner, schreiben Ilona Haberkamp und Elizabeth Ok in einem Artikel des Frankfurter Personenlexikons, sahen in Bohländer den lebendigen Beweis eines anderen Deutschlands in der NS-Zeit: eines Deutschlands, in dem Jazz, der „entartete“ Musikstil, überleben konnte. Wenigstens er.

Jazz-Musiker hatten in der NS-Zeit Kopf, Kragen und Leben riskiert

Die Musiker hatten dafür Kopf, Kragen, Leben riskiert in Hinterzimmern mit Schmiere-Stehern. Würden wir das für HipHop tun, heute? Den Mut haben? In einer Stadt, in der 25 000 für den kaputten Planeten auf die Straße gehen, wohlwollend gezählt, 25 000 von einer Dreiviertelmillion?

Hotclub Combo und Two Beat Stompers hießen Carlo Bohländers Bands, ein Name fantastischer als der andere, oder hier: German All Stars. 1952 machte der Mann das „Domicile du Jazz“ in der Frankfurter Innenstadt auf, bald unter dem Namen „Jazzkeller“ legendär. Erstmals legten dort schwarze und weiße Musiker der Stadt Jam-Sessions hin.

Wer da alles auftrat! Ella Fitzgerald. Duke Ellington. Billy Holiday. Dizzy Gillespie. Paul Kuhn. Albert und Emil Mangelsdorff. Der Jazzwirt eröffnete weitere Clubs und schrieb Bücher. Rede bloß keiner mehr von Blue Notes, ohne Bohländers „Die Anatomie des Swing“ (1986) zu kennen, ordnete Albert Mangelsdorff an.

Lesen Sie hier das Times mager von unserem Autor Stephan Hebel 

Bohländers Ehefrau, die unwiderstehliche US-Sängerin Anita Honis, in den Sixties auf Deutschlandtournee bei ihm geblieben, sang viele Jahre nach seinem Tod 2004 in ihrer Balalaika-Bar weiter. Sie starb im vorigen Jahr. Carlo Bohländers Trompete ist im Historischen Museum. Er wäre am heutigen Montag 100 Jahre alt geworden. Irgendein Fernsehsender könnte Elizabeths Oks grandiosen Film über ihn zeigen, bitte: „Carlo, keep swingin’“.

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