1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Buh

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Was wohl das Publikum meint?
Was wohl das Publikum meint? © Imago

Was man im Buhsturm erleben und lernen kann, jetzt zum Beispiel in Bayreuth.

Empfindliche Augenblicke an einem misslingenden Theaterabend sind Sätze wie Irinas in den „Drei Schwestern“: „O, schrecklich, schrecklich, schrecklich! Ich kann und kann das nicht länger ertragen! … Ich kann nicht, kann nicht, kann nicht … .“ Selbstverständlich bezieht Irina sich auf etwas anderes, aber das Risiko, dass es aus dem Publikum zurückruft: „Ich auch nicht“, „Was glauben Sie, wie es uns hier unten ergeht“, „Ja, schrecklich, schrecklich, schrecklich“, ist erheblich, mit regionalen Unterschieden. Zum Beispiel neigt das karnevalerprobte Mainzer Publikum zu verhältnismäßig offenherzigen Bekundungen, dafür knallen nirgendwo die Logentüren lauter als im Wiesbadener Neobarockbau. Der lärmige Abgang: eine weitere Möglichkeit, im laufenden Geschehen dem Unmut Luft zu machen.

Gegen die Personen auf der Bühne ist das alles nicht fair, nein: eine niveaulose Schande. Die auf der Bühne werden unter einem misslingenden Theaterabend ohnehin immer am meisten leiden. Da könnte man jetzt wieder sagen: dafür sind sie aber auch beschäftigt, dann vergeht die Zeit viel schneller, und das stimmt. Aber sie dürfen nicht weg und müssen nachher vor den Vorhang treten. Das Publikum hingegen kann jetzt Buh rufen, wenn es wirklich so schlimm war. Das ist interessanterweise heutzutage selten der Fall – nicht dass es wirklich so schlimm war, sondern dass daraufhin Buh gerufen wird. Schon gar nicht im Sprechtheater. Selbst im Musiktheater wird vornehmlich gegen die Regie gebuht. Die Formel lautet eher: Das ausbleibende Bravo ist das neue Buh. Im Sinne des gesellschaftlichen Friedens und individuellen Anstands ist das zu begrüßen. Buhen ist nicht schön und eine billige Entladung von Wut aus der Deckung heraus. Es gibt auch einzelne Buhrufer. Die einen nennen das mutig, die anderen erkennen auf Hass oder Wahnsinn. Machen wir uns nichts vor, das Musiktheater zieht auch Verrückte an.

Es gibt ebenso einzelne Bravorufer, jetzt etwa sollen zum Abschluss des „Rings“ in Bayreuth welche gehört worden sein (nicht von mir). Es war der Rezensent der „FAZ“, der auf diese Weise den eventuell unsterblichsten Moment der Veranstaltung mitbekam: den Mann, der Bravo schrie, die Frau, die ihn anbuhte, woraufhin er ihr zurief: „Halt’s Maul, du dumme Tussi!“ Zu duzen ist selbst für den durchaus direkten Bayreuther Umgangston untereinander (man ist ja zusammengeschweißt) ein Hammer. Zugleich fügt es sich in das „Ring“-Gesamterlebnis gewissermaßen ein.

Dabei zeigte der Bayreuther Buhsturm übrigens in seiner Reinheit wieder, dass das Buhen eher für Männerstimmen erdacht worden ist. Frauen sind dafür besser im beifälligen Jaulen, auch ein unangenehmes Geräusch.

Auch interessant

Kommentare