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Bügelbrett

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Von: Sandra Danicke

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Warum sucht mitten in der Nacht jemand ein Bügelbrett?
Warum sucht mitten in der Nacht jemand ein Bügelbrett? © Imago

Wenn nachts im Hotel das Telefon klingelt ... sollte man sich in Norwegen auf Kurioses einstellen.

Sitten und Gebräuche kennenlernen – auch darum ging es ja mal, wenn man in ferne Länder reiste. Wobei man „ferne Länder“ heutzutage ja eher mit jenen Orten assoziiert, die nur durch Langstreckenflüge oder ausgiebige Kreuzfahrten zu erreichen sind. Dass auch Norwegen ein Land mit Ritualen ist, die uns fremd vorkommen, merkt man nicht nur beim Frühstücksbuffet, wo ganz selbstverständlich eine Flasche Lebertran neben der Käseplatte steht, während die Frage nach einem Cappuccino verständnisloses Kopfschütteln auslöst.

Man merkt es auch daran, dass morgens um 5 Uhr das Zimmertelefon klingelt. Erbarmungslos lange. Man kann also nicht anders, als den Hörer abzunehmen. Am Apparat ist eine Frau, die ein Bügelbrett fordert, immerhin auf Englisch. Jetzt gleich? Sicher, sie sei in Zimmer 433 und brauche es sofort. Da ist man als Skandinavien-Laiin ein wenig verdattert. Auch weil man sich selbst in Zimmer 521, also nicht gerade nebenan befindet. Und wo bitte soll man um die Uhrzeit ein Bügelbrett auftreiben? Noch dazu ungeduscht und ohne bereits die erforderliche Landeswährung eingetauscht zu haben. Doch die Frau aus Zimmer 433 lässt nicht locker. Knapp, sehr knapp entschuldigt sie sich für etwaige Unannehmlichkeiten, aber auf dem Bügelbrett besteht sie.

Inzwischen einigermaßen wach geworden, überlegt man hin und her. Kann es sein, dass es sich um ein Zimmermädchen handelt, das ihr Bügelbrett am Vortag versehentlich in Zimmer 521 vergessen hat? Da man wegen des verspäteten Fluges erst nachts gegen 1 Uhr im Hotel angekommen war und sich kurz darauf zu Bett begeben hatte, wäre es immerhin möglich, dass man ein hinter der Tür zusammengeklappt abgestelltes Bügelbrett übersehen hat. Nein, da ist nichts. Vielleicht im Schrank oder unter dem Bett?

Man wisse nicht, ob sich ein Bügelbrett im Zimmer befinde, sie könne jedoch gerne hochkommen und selbst nachsehen, erwidert man also der Dame am Ende der Leitung. Dann wartet man. Minutenlang und – weil man nicht wieder einschlafen kann – stundenlang. Niemand kommt.

Womöglich war ein anderer Gast zuvorkommender und hat das Bügelbrett umstandslos vorbeigebracht. Womöglich gilt man jetzt als stoffelige Deutsche, die ihren Gastgebern nicht einmal kleinste Gefälligkeiten erweist.

In der kommenden Nacht lauscht man aufmerksam, doch das Telefon klingelt nicht mehr. Man hat seine Chance verpasst. Dabei hatte man extra eine Übersetzung auf den Nachttisch bereitgelegt: Jeg har ikke strykebrett.

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