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Der Bücherkater ist in diesem kalten, dunklen neuen Jahr betrübt.
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Der Bücherkater ist in diesem kalten, dunklen neuen Jahr betrübt.

Times mager

Bücherwinter

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Und dann liegt die Literatur in der Tonne. Der Bücherkater ist not amused.

Was sollte er also von diesem neuen Jahr halten? Von diesem kalten, dunklen neuen Jahr? Der Bücherkater hatte noch keine Meinung dazu. Er grübelte. Er verfügte ja über Vergleichsmöglichkeiten. Er war schließlich inzwischen schon ein erfahrener Bücherkater.

Einmal hatte das Jahr damit begonnen, dass ihm alles um die Ohren flog. Na, mehr als einmal. Plötzlich flog draußen alles in die Luft. Wer bei Sinnen war, und das war der Bücherkater stets, er hatte genug erlebt, um wachsam zu bleiben – wer also noch bei Trost war, verkroch sich irgendwo im Haus, wenn draußen wieder die Welt zerknallte. Das war diesmal anders gewesen. Nicht sehr schlimm. Nicht sehr laut.

Diesmal hatte es zum Jahreswechsel nur wenig geknallt. Weniger schon gar als an jenem Tag, an dem die Kerle das Haus des Büchermannes zertrümmerten und wegbrachten. Weniger auch als an jenem Tag, an dem andere Kerle den Bücherbaum kaputtmachten und seine gloriose Gefährtin, die Kirsche. Seither hatte der Bücherkater beobachtet, wie ein neues Haus kam, wie neue Steine kamen, viele Steine, nur kein neuer Baum. Das war unverändert die Lage. Nur kein Baum.

Wenn es draußen krachte, konnte es natürlich sein, dass wieder jemand das Haus demolierte. Was wusste er schon? Er wusste nur, dass jederzeit Kerle mit Maschinen kommen konnten, um ihn zu verscheuchen, sein Haus und seinen Baum mitzunehmen. Eingezogen war immer noch niemand in den Neubau. Vielleicht bauten Menschen ihre Häuser nur, um sie wieder kaputt zu machen. Vielleicht pflanzten sie ihre Bäume nur, um sie wieder herauszureißen. Vielleicht schrieben sie ihre Bücher nur, um sie wegzuwerfen. Vielleicht war nichts für immer in ihrer Welt.

Die Bücher des Büchermannes, all die Kartons, in denen der junge Bücherkater einst als Vagabund gelebt hatte, ehe er im Nebenhaus Asyl erhielt; die Kisten, aus denen er herausgeschaut hatte, kleiner Kater mit Augen so groß wie die Sehnsucht nach einem sicheren Ort; sie waren vor langer Zeit in Container geworfen und abgeholt worden. Jetzt, früh im neuen Jahr, lagen haufenweise Bücher in der grünen Papiertonne. Er konnte sie sehen, wenn er morgens auf dem Fenstersims saß, die Nase in der eiskalten Januarluft, wenn der Mann, der ganz oben wohnte, herunterstieg, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen und ein paar Worte mit dem Bücherkater zu wechseln, von Nachbar zu Nachbar.

Die Literatur in der Tonne. Bücher von Autorinnen, deren Ideen von Harmonie sonntagabends im zweiten Fernsehprogramm lebendig wurden. Aber davon wusste der Bücherkater nichts. Er war ja nicht der Fernsehkater.

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